Abiturreden

Seit vielen Jahren gehört es zur Tradition einer Abiturfeier, dass ein Lehrer oder eine Lehrerin, der/die einen Schülerjahrgang über mehrere Jahre bis zum Abitur begleitet hat, vom Schulleiter beauftragt wird, eine Abiturrede zu halten.

Die Texte der Reden der vergangenen 15 Jahre sind zwar nicht allesamt digital gespeichert worden, aber eine Handvoll sind doch greifbar. Die Auszüge aus den Reden (eher zufällig herausdestilliert) sollen Neugier wecken, den ganzen Redetext nachzulesen.


Abiturrede 2009 von Ekkehard Neumann:

Ich möchte mich mit Ihnen heute auf die Spurensuche nach dem Waldschulgeist  begeben, der Ihnen mit Sicherheit in Ihren Jahren an der Wald-Oberschule begegnet ist.

Man findet den Waldschulgeist nicht in Ihren Zensuren, nicht in den Durchschnittsnoten Ihrer Zeugnisse und auch nicht in den verschiedenen Hausordnungen, die man an die technischen Veränderungen unseres Alltags anpassen musste. Er lebt auch nicht in den zahlreichen Stundenplänen und mittlerweile drei Pausenplänen, die man Ihnen gab; ich erinnere mich an ein Schuljahr, in dem Ihnen 10 verschiedene Stundenpläne in die Hand gedrückt wurden.

Doch wo findet man ihn? Begeben wir uns auf die Suche…


Abiturrede 2008 von Wolfgang Ismer

Die Überlegungen zum Klimatismus haben mich noch auf eine andere Spur gesetzt. Wenn Josef Joffe Recht hat und hier so etwas wie eine weltliche Religion etabliert wird, dann sind Al Gore und Dr. Latif sicher die Idole der Klimatisten, der Anhänger dieser neuen Religion.

Damit sind wir bei einem anderen Fragenkomplex: „Brauchen Menschen Idole und Vorbilder?“ Das passt jetzt auch besser in eine Abiturrede als der Klimawandel! Idole brauchen wir nicht, bei der Verehrung der Abgötter wird der Verstand ausgeschaltet. Aber Vorbilder, brauchen wir die? Ich jedenfalls habe Vorbilder und hatte immer welche.


Abiturrede 2007 von Jürgen Schäfer

Hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass ich Mathematiklehrer bin?
Wenn also ein Mathematiklehrer (Slogan unter Lehrern: Mathematiker) eine Rede hält, was soll schon anderes vorkommen als Zahlen oder Geschichten von Zahlen oder Zahlen aus der Geschichte oder unzählige Geschichten oder: „Ober zahlen“!
Da wir nun bei dem Begriff Erwartungshaltung gelandet sind: Erwartungshaltung ist normal! Typisch, zwei Begriffe der Wahrscheinlichkeitsrechnung!
Also. Na gut. Warum nicht. Erzähle ich Euch eine mathematische Geschichte.


Abiturrede 2006 von Solveig Knobelsdorf

Was soll ich Ihnen nun zum Schluss mit auf Ihren Lebensweg geben? Ich habe ein wenig in den Sprüchen der Sieben Weisen geblättert und dort auch viel Gutes und Beherzigenswertes gefunden: „Nichts im Übermaß“ – das sollten sich einige von Ihnen sicher zu Herzen nehmen, andere leben nach diesem Motto seit ihrer Einschulung...  „Lerne zu gehorchen und du wirst zu herrschen wissen“ – ein die Karriere förderndes Motto. „Hab nicht mehr Recht als deine Eltern!“ – Das erfreut die Mehrheit der hier Versammelten. Und im Sinne der Lehrer: „Unbildung ist eine Last.“ Schließlich bin ich doch bei dem Ihnen allen wohlbekannten und leider häufig missbrauchten, Epikur zugeschriebenen und bei Horaz überlieferten „Carpe diem“ angekommen. (Das musste natürlich noch kommen, ohne Latein geht es bei mir eben nicht!) Carpe diem heißt natürlich nicht, dass Sie Ihr Leben nur in vollen Zügen genießen und alles Unbequeme vermeiden sollen. Das Horaz-Gedicht mit den berühmten Worten beginnt nämlich mit einer Warnung: „Tu ne quaesieris, scire nefas, quem mihi, quem tibi diem di dederint... -  Du weißt nicht, wie viele Tage die Götter dir oder mir noch zugemessen haben.“ Und erst daraus leitet er die Aufforderung ab: „Sapias“ – sei weise, bediene dich deines Verstandes – „carpe diem, quam minimum credula postero!“ – Nutze den Tag und verlass dich nicht erst auf den folgenden. Bedienen Sie sich also Ihres Verstandes! Leben Sie jeden Tag  bewusst! Ihr Leben mit allen seinen Chancen und Risiken liegt vor Ihnen, Ihre Eltern und Ihre Lehrer haben Sie zu selbstbewussten und gebildeten Menschen erzogen, Sie haben die Freiheit, Ihre Zukunft selbst zu gestalten. Dass Sie diese Freiheit richtig nutzen, sie auch für andere fordern und anderen Menschen und Meinungen offen und respektvoll begegnen, dass Sie auf diese Weise den Tag zu nutzen wissen, das wünsche ich Ihnen.
In diesem Sinne : Carpe diem  -  carpe vitam!



Abiturrede 2005 von Ursula Badura-Schmidt

Ja, um die Allgemeinbildung, um die "culture generale", die Allgemeinkultur, die all das vorher Gesagte beinhaltet, geht es mir in dieser Rede.
Die Franzosen besitzen die bewundernswerte Gabe, zu jeder trockenen Definition ein geistreiches bon mot zu schöpfen. So sagte Andre Maurois eines Tages folgende Worte "La culture est ce qui reste quand on a tout oublié". (Die Allgemeinkultur ist das, was übrig bleibt, wenn man alles vergessen hat.) Unser Hirn besitzt zwar eine grenzenlose Kapazität, Informationen, Erfahrungen, Regeln, Lösungen, Verfahren, Assoziationen und ganze Denksysteme zu speichern, jedoch das Leben stellt uns vor die Aufgabe, unser Allgemeinwissen zu reduzieren zugunsten einer engeren Spezialisierung. Und genau das wird Ihnen im Laufe Ihres Studiums und Ihres Berufslebens passieren. Vorausgesetzt, das man genug im Kopf hat, um reduzieren zu können. Denn was soll man da vergessen, wenn man zu wenig gelernt hatte.
Hören Sie nun, wie ein bereits pensionierter Kollege reagierte, als ihn nach abgeschlossener Schulzeit ein Absolvent, des Leistungskurses mit folgenden Worten ansprach: ,,Also, ich danke Ihnen, Herr Professor für alles, was ich bei Ihnen gelernt habe.". "Oh", erwiderte der Professor: "Diese Kleinigkeit ist doch nicht der Rede wert!"
„Se non è vero, è ben trovato” – und wenn es nicht wahr ist, ist’s gut erfunden.


Abiturrede 2003 von Frank Rundfeldt

Aber neben all dem angesammelten Wissen – was machte Ihre Schulzeit aus? Waren es ansonsten eigentlich nur Schlagworte wie: zu früh aufstehen müssen, lernen, Klausuren, Vokabeltests, schon wieder kein Hitzefrei, einige positive Lichtblicke wie die tolle Klassenfahrt, ein gelungenes Schulfest oder gemeinsames Projekt, dann aber wieder Langeweile und selten motivierender Unterricht?
Ist es das, was Sie später – nach der Ausbildung/dem Studium Freunden, Bekannten, noch später ihren Kindern von der Schulzeit erzählen werden?


Abiturrede 2001 von Birgit Hermann

Es war am Ende des ersten Prüfungstages, ich hatte das Schulgelände schon verlassen, blickte mich noch einmal um und sah einen Vater auf seinen Sohn zu eilen, der vor wenigen Minuten noch in der Deutschprüfung schwitzte. Der freudige Schritt des Jungen auf den Vater zu signalisierte das Erfolgserlebnis, die bestandene Prüfung. Glücklich und erleichtert fielen sich Vater und Sohn in die Arme. Geschafft! Das Daumendrücken hatte geholfen. In diesem Moment wurde mir bewusst, in der Prüfung und im Vorfeld hatte ich daran überhaupt nie gedacht, was familiäre Geborgenheit und Zuwendung für Sie in diesen Bewährungssituationen bedeutet.
Mich hat das sehr beeindruckt.


Abiturrede 2000 von Gabriele Herbst

So möchte ich hier und heute nicht gehen bzw. Sie nicht gehen lassen ohne Ihnen ein kleines Symbol für die Hoffnung im Leben mit auf Ihren weiteren Lebensweg zu geben. Als ich vor nun mehr als zwanzig Jahren hier an dieser Schule mein zweites Staatsexamen machen durfte und tags darauf zu meinem Leistungskurs in den Unterricht eilte, begrüßten mich zwei Schülerinnen vor allen anderen aus dem Kurs mit einem skeptischen Gesichtsausdruck, die Hände auf dem Rücken. Sie haben die Prüfung doch hoffentlich bestanden, Frau Herbst?, fragten sie. Na ja - wir haben auch nichts anderes erwartet von Ihnen!, antworteten sie auf meine Bestätigung hin und förderten als erste Überraschung eine Flasche Sekt zutage. Die ist aber nicht für Sie alleine zum Mit-nach-Hause-Nehmen gedacht, sondern für uns alle zum Anstoßen, wurde ich belehrt. Selbstverständlich haben die damals 18 Schüler und ich den prickelnden Inhalt jener 0,7-Literflasche geradezu geschwisterlich geteilt: Jeder bekam einen winzigen Schluck! Als nächstes aber brachten sie noch einen Blumentopf zum Vorschein und überreichten ihn mir mit einer kleinen Rede.
Es war ein kleiner Geldbaum, und abgesehen von dem damit verbundenen Wunsch, ich möge nie wirklich arm werden, verbanden jene Schüler zahlreiche andere und wichtigere Hoffnungen für meinen weiteren, insbesondere beruflichen Lebensweg, der ja dadurch auch ein Stück weit ihren Lebensweg begleiten und beeinflussen sollte. Somit wurde diese kleine Pflanze ein Symbol für die Hoffnung. Inzwischen ist aus jenem zarten Pflänzchen tatsächlich ein kleiner Geld-Baum geworden und es ist Zeit etwas von diesem Symbol der Hoffnung weiterzugeben. So habe ich mich, als ich gebeten wurde für Sie die Abiturrede vorzubereiten, vor diesem Hintergrund gleichzeitig daran gemacht von dem Bäumchen Stecklinge zu vermehren. Mehr als 90 Stück habe ich abgezupft und eingepflanzt.


Abiturrede 1999 von Erwin Kraut

Muss ich Euch erzählen:
"Ruft mich doch neulich ein Freund in der Philharmonie an um mir zu erzählen, daß er gerade zu Hause in der ersten Reihe eine Live-Übertragung der Philharmoniker miterlebe, die ich mir doch auch unbedingt reinziehen müsse. Ich - mitten im romantischen Dialog zwischen Horn und Cello - frage ihn, ob er auch an derselben Stelle sei, und richte mein Handy zum Orchester aus."
Da wir nun in die Berliner Kulturszene hineingeraten sind, möchte ich einige Veranstaltungsorte für Feiern oder Unternehmungen im Zusammenhang mit dem bestandenen Abitur empfehlen. Garantien für reale Erlebnisse kann ich hier natürlich keine abgeben, zumal die Namen auch auf Fragwürdiges schließen lassen.


Abiturrede 1998 von Helmut Bornhäuser

Man glaubt allgemein, die Mathematik begann, als man bei der Vorstellung von drei Äpfeln die Äpfel beiseite ließ und nur noch an die Zahl drei dachte. Dies ist ein Beispiel für einen Abstraktionsprozeß, der zum Wesen der Mathematik gehört. Man hat auch behauptet, die Mathematik werde eindeutig charakterisiert durch etwas, was sich ,,Beweis'' nennt. Der erste Beweis in der Geschichte der Mathematik wird Thales von Milet zugeschrieben. Mit den Beweisen hat es so seine eigene Bewandtnis. Einen sicheren Weg, der zu einem Beweis führt, gibt es nicht. Diese traurige Tatsache ist für Schüler zuerst irritierend: Ich verstehe nicht, wieso Sie das, was Sie da eben machten, gemacht haben und wieso das so sein soll, wie Sie sagen, dass es ist. Und ich habe keine Ahnung, wie Sie überhaupt dazu gekommen sind, das, was Sie da machten, so zu machen, wie Sie es gemacht haben.


Abiturrede 1996 von Eva Maria Feiten

In dieser Hinsicht verdienen Sie ein ganz besonders Lob. Sie haben sich engagiert bei der Organisation von Diskussionsveranstaltungen zu gesellschaftspolitischen Themen; Sie haben sehr erfolgreich Basare für wohltätige Zwecke durchgeführt. Sie haben im Orchester und im Chor gemeinsam musiziert und uns interessante Theateraufführungen beschert. Auf Schulfahrten in verschiedene europäische Länder haben Sie Einblick in fremde Kulturen erhalten und Gelegenheit zu menschlichen Begegnungen gehabt. Dabei kam teilweise das im Unterricht Gelernte zur Anwendung, teilweise konnten Sie Neues erfahren, was keine Unterrichtsstunde je hätte vermitteln können. Ihrem Einsatz ist es zu verdanken, daß wir seit einigen Jahren eine Schülerzeitung haben, die kompetent und qualifiziert gemacht wird und auf deren Erscheinen sich Schüler und Lehrer freuen.


Abiturrede 1993 von Dr. Josef Rabl

"Ein Schüler hatte eben angefangen, bei Euklid Geometrie zu studieren. Als er den ersten Lehrsatz gelernt hatte, fragte er seinen Lehrer (tröstlich, liebe Kollegen, daß das auch solchen Koryphäen passiert!): 'Welchen Gewinn werde ich nun davon haben, wenn ich all das lerne?' Da rief Euklid seinen Sklaven und sagte: 'Gib ihm drei Oboloi (also ein paar Pfennige); er muß Gewinn machen aus dem, was er lernt.'"
Ins Bayrische übersetzt hört sich die Kritik am Nützlichkeitswahn im derzeitigen Schulwesen so an:
"Der Gemeinderat lehnt die Anschaffung einer Europakarte für die niederbayrische Zwergschule mit der Begründung ab: 'Wer woaß, ob von unsane Kinder überhaupts amol oans nach Europa kimmt.'"


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