Abiturrede 2009 - gehalten von Ekkehard Neumann


Auf den Spuren des Waldschulgeistes 1)  – Schule als Begegnungsstätte

Sehr geehrte Eltern und Angehörige, verehrte Gäste, liebe Kolleginnen und Kollegen,
vor allem liebe Abiturientinnen und liebe Abiturienten,

die Wochen der Ungewissheit über Leistungsbewertungen sind nun vorbei; „Yes, we can!“ werden Sie nun denken;  Sie haben einen wichtigen Mosaikstein auf Ihrem noch jungen Lebensweg erreicht, im Namen aller Kolleginnen und Kollegen gratuliere ich ihnen herzlich zum bestandenen Abitur!

Ich möchte mich mit Ihnen heute auf die Spurensuche nach dem Waldschulgeist  begeben, der Ihnen mit Sicherheit in Ihren Jahren an der Wald-Oberschule begegnet ist.

Man findet den Waldschulgeist nicht in Ihren Zensuren, nicht in den Durchschnittsnoten Ihrer Zeugnisse und auch nicht in den verschiedenen Hausordnungen, die man an die technischen Veränderungen unseres Alltags anpassen musste. Er lebt auch nicht in den zahlreichen Stundenplänen und mittlerweile drei Pausenplänen, die man Ihnen gab; ich erinnere mich an ein Schuljahr, in dem Ihnen 10 verschiedene Stundenpläne in die Hand gedrückt wurden.

Doch wo findet man ihn? Begeben wir uns auf die Suche…

Als Sie 2002 hier in der Aula begrüßt wurden, hatte die Schule gerade erfolgreich die Europa-Woche absolviert; der Waldschulgeist lebte im Rahmen der vielen internationalen Begegnungen mit Austauschschülern aus der Schweiz, aus Litauen, aus Polen und aus Schweden auf. Sie selbst haben dann an einer unserer seitdem veranstalteten Austauschfahrten teilnehmen können.

Seit 1912 befindet sich der Waldschulgeist  in Kontakt mit dem Collège Calvin in Genf, seit 1996 mit Leksands Gymnasium in Schweden, seit 1998 mit dem Gymnasium Tadeusz Reytan in Warschau, seit 2005 mit Agenskalna Gymnasium in Riga und seit 2006 mit der Deutschen Schule Alexander von Humboldt in Mexiko-Stadt. Unsere spanischen Kontakte wurden mit Fahrten ins Innere Spaniens und zu einer Schule auf Mallorca intensiviert.

Meinen beteiligten Kolleginnen und Kollegen sei an dieser Stelle Dank für ihr Engagement gesagt.

In den Klassenstufen 7 bis 9 habe ich die Klasse K2 als stellvertretender Klassenlehrer in ihren „populären“ Jahren unterrichtet. Unvergesslich für mich bleibt die Erdkunde-Stunde,

in der ich mit Ihnen an einer afrikanischen Hochzeit in originalen Hochzeitsgewändern „teilnehmen“ durfte Anschließend wurden uns Bonbons aus Ghana serviert, die genau wie die kleinen Köstlichkeiten aus Korea ein geteiltes Echo fanden. Am Elternsprechtag wurde ich dann in die Kultur der afrikanischen Gesprächsführung eingeführt; ich bin mir sicher: Der Waldschulgeist hatte seine Freude.

In meinem Unterrichtsfach Erdkunde ist mir dieser Geist häufig begegnet; Vorträge über Mexiko, Korea, Indien, Afghanistan, Ghana, Polen, Tschechien und Italien aus dem Munde von Kindern, deren Eltern aus diesen Ländern kommen, haben für mich die Existenz unseres Geistes bewiesen.

Nach den drei Schuljahren 2002 bis 2005 als Ihr unterrichtender Lehrer habe ich bei Ihnen eine „Pause“ eingelegt. Zugegeben, nach Ihrer Pubertät war ich doch etwas skeptisch, welchen Eindruck wir aufeinander hinterlassen hatten. Doch zu Beginn des Jahres 2006 stellte sich mir eine scheinbar unlösbare Aufgabe.

Meine Kollegen aus Schweden, von denen ich Sie herzlich zum heutigen Tage grüßen soll, hatten mir ihr Vorhaben mitgeteilt, mit 15 Schülern im Mai nach Berlin anzureisen. Ich hatte allerdings nur wenige Unterkünfte anzubieten. Als ich Ihre Klasse, die 10K2, betrat, erklärten sich spontan fast alle Klassenmitglieder bereit einzuspringen. Ihre Mitwirkung beim Schweden-Austausch dauerte dann auch zwei Jahre, weil Sie im darauf folgenden Jahr  nochmals mit Unterkünften bereit standen.

Im Namen des Waldschulgeistes bedanke ich mich heute bei Ihnen für dieses Engagement.

In den Veranstaltungen an der Schule sind Sie sicher das ein oder andere Mal dem Waldschulgeist begegnet; bei den Aufführungen der Theater-AG und des Kurses Darstellendes Spiel (2004 Pünktchen und Anton; 2005 Der eingebildete Kranke; 2008 Schwarz-Weiß; 2009 Think outside the box-Die Velwillung hat (k)ein Ende),  auf Klassenfahrten und Exkursionen (u.a. nach Mirow, Usedom, München, Paris, London, Helgoland, Auschwitz, Weimar, Hamburg);  bei Wandertagen und Fahrten zu den Kirchentagen; bei nutzbringenden Wettbewerben und Projekten (u.a. Lebendige Antike, Begegnungen der Kulturen, Schüler lernen von Schülern, AG-Fechten und Bogenschießen seit 35 Jahren, Bundessprachenfest, Be smart don´t start, Gesunde Schule, Känguru, Wer wird Müllionär?, Duathlon, Triathlon); bei Skifahrten, bei Faschingsfeiern, bei Musikabenden und Musicals (Flower Power, Greased Lightnin´, Anatevka).

Im Dezember 2006 liefen Sie hier über den Laufsteg; dem Schulgeist wurde ein „Outfit verpasst“.2007 leisteten Sie einen wichtigen Beitrag zum Projekt mit dem Titel: „Wir sind Europa  – Schüler suchen ihre Werte und Identität im Trialog der Kulturkreise Judentum, Christentum und Islam.“ Der anschließende 2.Preis im bundesweiten Wettbewerb „Schulen im Trialog“ der Herbert-Quandt-Stiftung würdigt das Engagement aller Beteiligten.

Sollte ich eine Veranstaltung Ihrer Schulkarriere nicht erwähnt haben, sollte Ihnen die Internetadresse unseres Schulgeistes ein „Lesezeichen im Ihrem Browser“ wert sein.

In Ihren Begegnungen wurden Freundschaften geschlossen, in denen unser Geist lebendig bleibt, …auch über Ihre Schulzeit hinaus…

Ein lebendiger Geist hinterlässt auch „Alltagsmüll“. Wer kümmert sich um die alltäglichen „Hinterlassenschaften“ auf dem Schulgelände? Unserem „Müllionär“ Herrn Palmowski gilt der Dank der Schulgemeinschaft für seinen täglichen, unermüdlichen Einsatz.

Im Februar 2009 erhielt ich den Aufruf der Schulleitung mit der Notiz: Bitte Rücksprache Abitur. Sofort musste ich an die Arbeitsaufteilung unter den Lehrkräften denken. Auf die Aufgabe, diese Abiturrede zu halten, bin ich zunächst nicht gekommen. Wie im Zeitraffer liefen meine 19 Jahre an der Wald-Oberschule an mir vorbei. Sie alle wissen: Nach 19 Jahren ist man reif zur Abiturprüfung und …nun auch zu einer Abiturrede!

Im Sommer 1990 wurde ich von der Herder-Oberschule „abgeworben“. Sie, liebe Abi 09er, waren gerade geboren;  Deutschland befand sich inmitten einer „Wende“ zur Einheit. Sie machten Ihre ersten Schritte daheim, ebenso wie ich an der Wald-Oberschule. Als erster Kollege wurde mir Herr Ismer vorgestellt, sollte ich doch seine 9.Klasse in den Fächern Mathematik und Erdkunde übernehmen. Herr Ismer trat damals die Stelle als Pädagogischer Koordinator an der Wald-Oberschule an; mein kollegialer Dank gilt ihm, der mir in den ersten Wochen den Waldschulgeist vorstellte.

Die erste Unterrichtsstunde an dieser Schule absolvierte ich in einer 7.Klasse, die wie ich „frisch eingetroffen“ war. Im Fach Erdkunde stellte ich die Aufgabe, eine Umrisskarte von Europa aus freier Hand zu erstellen; schließlich stand die Deutsche Einheit bevor und unser Europabild sollte sich in den kommenden Jahren noch „vervollkommnen“. Ein Schüler kam am Ende der Stunde zu mir und zeigte fragend sein DINA4-Blatt. Er hatte Spanien als angenähertes Rechteck so groß gezeichnet, dass der Rest Europas auf dem Blatt keinen Platz mehr fand. Eine unlösbare Aufgabe? Doch der Schüler nahm diese Herausforderung an; ich bin mir sicher: Der Waldschulgeist half auf kreative Weise! In der folgenden Stunde stand der Schüler stolz vor mir: Auf mehreren DINA4-Bögen entblätterte er den gesamten Kontinent Europa, den er gezeichnet und fein zusammengeklebt hatte. Herr Arne Herz möge mir diese Indiskretion seiner kreativen Lösung im Sommer 1990 verzeihen. Der Dank gilt seiner stetigen Arbeit, die er im Rahmen seiner Tätigkeit als 2.Vorsitzender des Freundeskreises im Sinne des Waldschulgeistes übernommen hat!

In der Klasse, die ich vom Kollegen Ismer dann übernahm, bekam ich einen Stellvertreter zur Seite gestellt, der ebenfalls mit mir im Jahre 1990 an die Wald-Oberschule kam. Mit ihm tauschte ich in den ersten Wochen viele Informationen aus, die uns beide im Alltag halfen und die uns dem Geist der Schule näher brachten. Der Kollege rückte dem Waldschulgeist im Jahre 1993 „auf die Pelle“ und es entstand der erste Jahresbericht an der Wald-Oberschule.

Lieber Kollege Dr. Rabl, vielen Dank für die Berichterstattung über unseren Waldschulgeist, der Sie in den zahlreichen Jahresberichten bis zum heutigen Tage nicht losgelassen hat!

Beim meinem Rückblick ist mir kürzlich im Deutschen Rundfunkarchiv beim „Googeln“ eine Quelle aufgefallen: Der Deutsche Kaiser sprach am 24.1.1904: 

(Einspielung) „In allem das Gute suchen und Freude an der Natur und an den Menschen haben, wie sie nun einmal sind….“ 

Ob er damit den Geist und das Gelände der Wald-Volksschule im Sinn hatte, die 1905 gegründet wurde? Nach der Gründung der Wald-Oberschule 1910 wurde in den 20er Jahren der Mythos vom Waldschulgeist geboren. Als geistiger Vater wird der Schuldirektor Wilhelm Krause beschrieben 1).

Ein vortrefflicher Geist zeigt sich in kreativen Lösungen schwieriger Probleme. Zu Beginn des 20.Jahrhunderts hatte die Mathematik eine schwere Krise zu überstehen: Die Grundlagenkrise, die sich in den auftretenden Widersprüchen der Mengenlehre zeigte. Wie sollte man Lösungen finden?

Ich erinnere an die Abiturrede meines Kollegen Jürgen Schäfer im Jahre 2007, in der er die Lösung der Grundlagenkrise von 1931 auf zutreffende Art auf Ihr heutiges  Ausbildungsproblem übertragen hat: „Jede hinreichend gute, systematische Schulausbildung ist meist zu lang und trotzdem unvollständig.“ 

Vor kurzem begab ich mich mit dem Profilkurs auf eine Gedanken-Reise zu einer „mathematischen Wellness-Oase“, in der alle Probleme durch einen kreativen Geist gelöst werden; unsere Lektüre war ein Büchlein von Friedrich Wille mit dem Titel „Eine mathematische Reise“.

Wir „trafen“ den Barbier in „Russelheim“; im Schaufenster seines Ladens hing das Plakat:

„Ich rasiere die Männer, die sich nicht selbst rasieren.“ Doch im Laden stand der unglückliche Mann mit dem Rasiermesser in der Hand und fragte sich verzweifelt:„Soll ich mich selbst rasieren?“  In der Bibliothek des Ortes „trafen“ wir seine verzweifelte Frau, die als Bibliothekarin ihre Aufgabe erklärte: „Ich soll einen Katalogband schreiben, in dem alle Katalogbände verzeichnet sind, die sich nicht selbst registrieren. Ich weiß aber nicht, ob ich den Katalog, den ich jetzt anfertige, auch darin registrieren soll.“

Wie konnte man dem verzweifelten Paar helfen; ihnen schienen die Hände und Gedanken gebunden zu sein!

In der berühmten antiken Bibliothek von Alexandria hatte man die Angewohnheit, alles auf Rollen zu schreiben anstatt in Bänden zu registrieren. Der Rat an die Bibliothekarin ist simpel: „Schreiben Sie alle Bände, die sich nicht selbst registrieren, auf eine Rolle Papier; dann ist es eben kein Katalogband, den Sie schreiben!“

Die Bibliothekarin ging voller Euphorie nach Hause: „Das muss ich meinem Mann erzählen!“ Ob es auch für ihn eine Lösung gab?

Am nächsten Tag stand im Laden die Bibliothekarin und ihr Mann ging in die Bibliothek. Darin lag die Lösung für den Barbier. Seine Frau rasierte nun die Männer, die sich nicht selbst rasieren. Beide hatten die gesamte Nacht erfolgreich Bücher über Mengenlehre studiert und ihre Lösungen gefunden.

Widersprüche werden Ihnen auch auf Ihrem Lebensweg begegnen! Stehen Sie sich dabei nicht selbst im Weg!
„Platonische“ Ideenvielfalt –  Kantsche Vernunft und Kritikfähigkeit: Dies wünsche ich Ihnen, liebe Abiturientinnen und Abiturienten!

Doch wo die mathematische Erkenntniswelt im Unendlichen endet, beginnt der Glaube, der den Mathematikern aller Vorurteile zum Trotz nahe steht. Der Glaube kann „Berge versetzen“ und damit den Ideen einen Sinn verleihen. Der Glaube findet eine Heimat, eine Begegnungsstätte, in der Religion. Im religiösen Leben findet die Musik ihre Ursprünge.

Meine musikalischen Begegnungen mit Ihnen, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, haben mir eine neue Qualität des Waldschulgeistes gezeigt.

Schule als Begegnungsstätte benötigt einen kreativen Geist; Schule benötigt dazu Sinn stiftende Orte, Sinn stiftende Aktionen und nicht zuletzt Sinn stiftende Begegnungen mit Menschen, ihren Gedanken und ihren Ansichten. Dadurch entfaltet sich menschliche Nähe.

Zu unserer Schule als Begegnungsstätte haben die Religionslehrer Frau Loch und Herr Maschke viel in den vergangenen Jahren beigetragen; dafür gilt ihnen der Dank des Waldschulgeistes!

Nicht zuletzt benötigen Schülerinnen und Schüler Sinn stiftende Vorbilder, wie mein Kollege Herr Ismer in seiner Abiturrede im Jahre 2008 deutlich machte.

Dem Waldschulgeist wird es aber mittlerweile nicht immer leicht gemacht:  

Schüler haben „schulfrei“, da das Kollegium die zahlreichen Prüfungen des MSA in den 10.Klassen und die der 5.Prüfungskomponente im Abitur bewältigen muss;

Schüler müssen sich auf mehr Prüfungen vorbereiten und mehr Unterrichtsstunden in der Woche absolvieren;

die Pausenregelungen reduzieren sich auf das vermeintlich Wesentliche: der Wechsel des Klassenraumes, das Mittagessen in der Cafeteria;

die Fluktuation der Lehrkräfte, der Bezugspersonen für unsere Schülerschaft, nimmt zu, da eine knapp bemessene Lehrerausstattung wenig Spielraum für den Einsatz der Lehrkräfte hergibt;

die Sauberkeit der Schulgebäude nimmt ab wegen fehlender finanzieller Mittel zur Reinigung;

die Anzahl unserer gemeinsamen Veranstaltungen droht teilweise verloren zu gehen: Weniger Arbeitsgemeinschaften, kleinere Basare, abgesagte Pflanzaktionen und Blütenfeste; ausbleibende Faschingsfeiern; Musikabende anstelle von umfangreichen Musicals; kürzere Klassenfahrten, teilweise nur an Wochenenden.

Doch ich bin sicher, und die Beispiele der Spurensuche haben das belegt, unserem Schulgeist werden kreative Ideen einfallen, die er ausprobiert, variiert und schließlich zu einem festen Bestandteil unseres Schulalltages werden lässt.

Ein 1.Hinweis darauf ist die zusätzliche Sportstunde, die ab dem kommenden Schuljahr die 7.Klassen wieder in unsere alten Traditionen einbindet und unser Konzept einer „gesunden Schule“ fortschreibt.

Ein 2. Hinweis ist die Teilnahme am Wettbewerb „Trialog der Kulturen“ auch im kommenden Schuljahr.

Eine Perspektive ist unsere Kooperation mit der Wald-Grundschule, die dazu führen soll, dass unsere Schülerinnen und Schüler 12 Jahre auf eine, ich betone eine, Wald-Schule gehen werden.

In diesem Jahr tritt der Waldschulgeist in sein 100.Lebensjahr ein. Im Juni 2010 sind Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, hiermit herzlich zu unserem 100.Jubiläum eingeladen.

In Anlehnung an eine Werbung aus den 50er Jahren möge der abschließende Gedanke dem Waldschulgeist auch im 100.Jahr und darüber hinaus gelten:

In der Wald-Oberschule lebt der Geist der Begegnung.

Im Namen des genannten Geistes danke ich für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen, den von jetzt an Ehemaligen des Jahrgangs 2009, alles Gute für Ihren weiteren Lebensweg!

Ekkehard Neumann, 30.6.2009

Anmerkung: 1) Spurensuche. Auf der Suche nach dem Waldschulgeist. B. Rams-Schumacher. U. Reichelt. 1985. In: Festschrift 1985. 75 Jahre Wald-Oberschule. S.10-17.



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