Liebe Abiturientinnen, liebe Abiturienten, sehr geehrte Eltern und Freunde der Abiturienten, liebe Kolleginnen und Kollegen!
Wer soll die Abiturrede halten?
Diese Frage stellt sich in jedem Jahr. Der Schulleiter überlegt zunächst, welche Kollegin, welcher Kollege mit dem zu verabschiedenden Jahrgang eine besondere Verbindung hat. Dann finden Gespräche mit den in Frage kommenden Kolleginnen und Kollegen statt, bis sich aus diesem Kreis jemand findet, die Rede zu halten. Der Schulleiter unterrichtet im Allgemeinen aufgrund der Leitungstätigkeit so wenige Gruppen, dass er für die Abiturrede nicht in Frage kommt.
Bei diesem Jahrgang ist es anders als bisher. Eine Klasse dieses Jahrgangs (die L4) unterrichtete ich vier Jahre hintereinander in Mathematik. Ein Teil dieser Klasse begegnete mir dann wieder im Grundkurs Erdkunde in den Jahrgangsstufen 12 und 13. Aus zwei Kursen wählten immerhin 23 Schülerinnen und Schüler Erdkunde als Prüfungsfach, zwei weitere als Fach der 5. Prüfungskomponente. Schüler dieses Jahrgangs waren mit mir bis zu viermal auf großer Fahrt: zwei Klassenfahrten mit der L4 - wir sprachen viel über die Bielefeld-Verschwörung, debattierten auf zunehmend höherem Niveau die weltpolitische Entwicklung und alle Schülerinnen und Schüler erlernten den alpinen Skilauf -, mit den Grundkursen ging es nach London und Cambridge. Die langjährige Vorsitzende der GEV, Frau Halbe, verlässt in diesem Jahr mit ihrem Sohn Max die Schule. An dieser Stelle sei Ihnen recht herzlich für Ihr kooperatives Engagement in den Jahren des Umbruchs (Schulprogramm; Schulinspektion; Mittlerer Schulabschluss; …) gedankt.
Diesem Jahrgang bin ich also besonders verbunden. Ich habe daraus den Schluss gezogen, dass in diesem Ausnahmefall der Schulleiter doch einmal die Abiturrede halten darf. Habe ich Ihnen etwas zu sagen? Mit der Bielefeld-Verschwörung fange ich heute nicht wieder an. Internet-fakes werden heute z.B. auch im Ethikunterricht thematisiert.
Im Herbst letzten Jahres fiel mir ein Beitrag aus der Wochenzeitschrift DIE ZEIT von Josef Joffe vom 18.10.2007 in die Hände (unsere GEV Vorsitzende Frau Köhler hatte ihn mir mitgebracht). Die Überschrift lautete „Ich bin Dein Gore … und Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ Der Klimatismus als neue weltliche Religion.
In diesem Artikel von Herrn Joffe wird auch gleich der moderne Ketzer benannt, nämlich der „Klimaleugner“. Zitat: „Dass es einen menschengemachten Klimawandel gibt, das bezweifelt doch niemand mehr.“ Das stimmt so nicht: Ich schon! Damit oute ich mich als „Klimaleugner“. Dies bedeutet nicht, dass ich die Existenz von Klima schlechthin leugne. Der Begriff Klima ist klar definiert! Ich leugne auch nicht die verschiedenen Klimawechsel im Laufe der Erdgeschichte. Die sind bewiesen, recht ordentlich datiert und wenn Sie mit offenen Augen durch die Welt gehen, können Sie fast überall ihre Hinterlassenschaften bestaunen.
Es lässt sich selbstverständlich auch für die letzten Jahrhunderte ein Klimawandel beweisen. Die Spuren der so genannten „Kleinen Eiszeit“ sind etwa in den Alpen nicht zu übersehen. Klimawandel ist offensichtlich ein immer währender Prozess, der gelegentlich spektakuläre Ausmaße annimmt. Das war in den Eiszeiten der Fall: Große Teile der Nordsee fielen trocken, der Rhein mündete in die Themse oder umgekehrt, man ging zu Fuß von Sibirien nach Alaska. Vor den Toren Berlins türmte sich der Eisrand 300 m hoch. Gemeinhin wird diese Phase des Weltklimas nicht als Klimaoptimum bezeichnet. Als nacheiszeitliches Klimaoptimum wird hingegen die Zeit, die nach dem Zerfall der großen Eismassen des letzten Hochglazials (15000 vor heute) beginnend etwa 10200 Jahre vor heute, bezeichnet. Damals betrug die Durchschnittstemperatur weltweit etwa 2 bis 2,5°C mehr als heute.
Ein 150 Personen umfassendes Forscherteam der Uni Stuttgart hat in den letzten Jahren auf Spitzbergen nach den Folgen von Klimaschwankungen geforscht. Dabei wurde Humus untersucht und es wurde festgestellt, dass innerhalb der letzten 3600 Jahre sieben Gletschervorstöße mit der jeweils folgenden Rückschmelze stattgefunden haben. Die Rückschmelzen hatten etwa das Ausmaß der gegenwärtig zu beobachtenden Rückschmelze seit 1850. Die letzten sechs Rückschmelzen waren jedenfalls nicht anthropogen.
Prof. Dr. Mojib Latif vom Geomar in Kiel scheint sich jedenfalls ganz sicher zu sein: Der gegenwärtige Klimawandel ist menschengemacht, und zwar über die Nutzung der kohlenwasserstoffhaltigen fossilen Brennstoffe. Bemerkenswerterweise weiß Herr Latif seit kurzem auch, dass die Erderwärmung jetzt erst einmal eine zehnjährige Pause machen wird. Die neuen Rechenmodelle, die eine genauere Vorhersage des zukünftigen Weltklimas erlauben, geben diese Aussage her. Der letzte Winter war immerhin in einigen Gebieten Mitteleuropas etwas schneereicher als die letzten. Mancherorts waren die Temperaturen geringfügig niedriger als das langjährige Mittel. Ein verlässliches Modell für die Vorhersage des Wetters an einem Ort mit einer größeren Reichweite als fünf Tage ist allerdings noch nicht gefunden.
Al Gore, der Friedensnobelpreisträger und Dr. Latif, der deutsche Klimaforscher zeichnen ein erschreckendes Bild vom zukünftigen Klima, die Apokalypse ist nah. Zur Erinnerung: bisher bezeichneten Klimatologen das Klima des Atlantikums (es war im Durchschnitt 2° bis 2,5° C wärmer als heute) als Klimaoptimum. Dennoch stellen alle die Frage: „Wie ist das Weltklima noch zu retten?“ Welches Klima eigentlich. Die Frage ist falsch gestellt! Klima verändert sich kontinuierlich, ob Kohlendioxid dabei eine Rolle spielt, wissen wir nicht.
Können wir also bedenkenlos weitermachen wie bisher? Die SUV vielleicht noch etwas größer und schwerer bauen? Mehr heizen, schneller fahren, Klimaanlagen in jedes Haus? Mitnichten! Im Gegensatz zur so genannten klimaschädlichen Wirkung des CO2, liegt die Endlichkeit der fossilen Brennstoffe auf der Hand. Die Reichweiten von Erdöl, Erdgas und Kohle kennen wir auch nicht sicher. Die vorhandenen Mengen sind aber mit Sicherheit irgendwann erschöpft. Damit sind wir bei der richtigen Fragestellung: Wie wird in Zukunft die Energieversorgung der Menschheit gesichert werden können?
Hier möchte ich diesen Themenkomplex verlassen, nicht ohne Sie - liebe Abiturientinnen und Abiturienten - dazu aufzufordern, selbständig zu denken, den Mut zu haben, sich selbst Fragen zu stellen, vom Mainstream abzuweichen. Laufen Sie nicht jedem Trend hinterher!
Die Überlegungen zum Klimatismus haben mich noch auf eine andere Spur gesetzt. Wenn Josef Joffe Recht hat und hier so etwas wie eine weltliche Religion etabliert wird, dann sind Al Gore und Dr. Latif sicher die Idole der Klimatisten, der Anhänger dieser neuen Religion. Damit sind wir bei einem anderen Fragenkomplex: „Brauchen Menschen Idole und Vorbilder?“ Das passt jetzt auch besser in eine Abiturrede als der Klimawandel! Idole brauchen wir nicht, bei der Verehrung der Abgötter wird der Verstand ausgeschaltet. Aber Vorbilder, brauchen wir die? Ich jedenfalls habe Vorbilder und hatte immer welche. Mindestens die eigenen Eltern sind für alle Kinder bis zu einer gewissen Entwicklungsstufe Vorbilder. In der Oberschule war mein Deutsch- und Erdkundelehrer Joachim Schiller mein Vorbild, weil er uns den analytischen Zugang zur Literatur öffnete, die Welt als Ganzes sah und uns unterrichtete ohne zu strafen (Seine politischen Auffassungen teilte ich dennoch nicht). Joachim Schiller wurde später Hauptseminarleiter und bildete Hundertschaften von Berliner Lehrkräften aus, unter Ihnen auch meine Stellvertreterin, Frau Knobelsdorf.
Helmut Schmidt und Henry Kissinger sind Menschen, die wie kaum jemand anderes die welt- und wirtschaftspolitischen Entwicklungen durchschauen. Si haben mehrfach bewiesen, dass sie ihre Gedanken auch allgemein verständlich zu Papier bringen können. Mit dieser Schärfe zu analysieren, zu denken und zu formulieren, kann sich jeder als Ziel setzen. Erreichen werden dieses Ziel die wenigsten. Jetzt werden sich sicherlich einige von Ihnen fragen: „Taugen Helmut und Loki Schmidt, die Talk-Show-Raucher, etwa als Vorbilder für die Absolventen einer „gesunden Schule“? Meine Antwort: Bis auf das Rauchverhalten in der Öffentlichkeit schon! Vorbilder sind eben keine Idole, keine Götter, die unfehlbar sein müssen. Vorbilder dürfen auch Schwächen haben, dadurch behalten wir, die wir Vorbilder haben, unsere Freiheit zu eigenem Denken und Handeln.
Lehrkräfte vermitteln nicht nur beständig Wissen oder moderner formuliert Kompetenzen, sie haben die Aufgabe, die ihnen anvertrauten Jugendlichen auch zu erziehen. Hierfür brauchen die Lehrkräfte Orientierung. Meine wesentliche Orientierung habe ich bei den Altmeistern der Erziehungspsychologie Reinhard und Anne-Marie Tausch gefunden, die ihrer „Erziehungspsychologie“ den Untertitel „Begegnungen von Person zu Person“ geben. Die Begegnung auf Augenhöhe, der gegenseitige Respekt, die Echtheit des Verhaltens des Erziehenden werden in den Vordergrund gestellt. Damit zählen die beiden sicher zu den Vorbildern, die ich mir gesucht habe, um das eigene Handeln und Denken zu entwickeln. Sagen die beiden Tauschs eigentlich etwas zu der Rolle und Funktion von Vorbildern im Rahmen von Erziehung? Das Wort Vorbild steht nicht im Sachverzeichnis der „Erziehungspsychologie“. Es gibt aber ein ganzes Kapitel mit dem Titel „Wahrnehmungslernen als wesentlicher Vorgang einer Person“ Hieraus ein Zitat, das belegt, wie wichtig Vorbilder in der Erziehung sind:
„Das Erleben und Verhalten von Personen wird bedeutsam beeinflusst und ändert sich dadurch, dass sie das Verhalten anderer Personen wahrnehmen. Hierdurch wird ihr Erleben und Verhalten dem wahrgenommenen Verhalten anderer Personen teilweise ähnlicher.“
Ich hoffe, dass Sie liebe Abiturientinnen und Abiturienten in dem beobachteten Verhalten Ihrer Lehrerinnen und Lehrer etwas Nachahmenswertes gefunden haben, das Sie nach der Schule weiterbringen kann.
Sollte uns dies gelungen sein, können Sie sicher auch der Faszination der Apokalypse der Klimakatastrophe und erst recht AL Gore widerstehen.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
Wolfgang Ismer, 27.6.2008