Abiturrede 2007 - gehalten von Jürgen Schäfer


Liebe Abiturientinnen, liebe Abiturienten,
verehrte Anwesende, vermisste Abwesende,
lieber Max,

(dies ist ein typischer Insider, also erläutern: Max ist der einzige Abiturient dieses Jahrganges, dessen Äußeres man bisher nur erahnen konnte. Inzwischen sind wir klüger: Max ist 50 cm lang, 3000 g schwer und blauäugig und seine erstes Wort war: Abi).

Ihr, also

ihr Abiturienten

ihr, die ersten Berliner Zentralisten

ihr, die ersten Berliner Fünf- Komponenter

ihr, die zwei mit1,0- Abschluss unter Euch habt

ihr, die einzigen Waldschüler, die 2007 das Abitur errangen,

ihr habt nun allen Grund die Huldigungen, entgegenzunehmen,

sowohl von mir hier vorn, als auch von den Eltern und den Damen und Herren des Kollegiums, also von denen, die hier sozusagen im Dunklen munkeln.

Nun, sie( die dunklen Munkler), wie auch ich, wissen natürlich, dass die Richtungsumkehr dieser Lobpreisung, euer Lob also für ihre Mitverdienste, eigentlich ebenso angesagt wäre. Aber sollte man Jugendlichen in Feierlaune so etwas zumuten? Mitnichten.

Mancher denkt jetzt: „Ach was.” Weil: Zu viele Tätig- oder Untätigkeiten, quasi exponentielles Multitasking in gegensätzlichen Richtungen. Aber. Wie? Und wann!

Nun die „location“ steht, der Zeitpunkt ist gekommen. Worauf warten?

Ja, doch. Wie man dahin kommt. Wo. Wo das liegt. Wie. Wie das wiegt.

Zum Beispiel könnten doch einige unter euch dem Gedanken nachhängen-

Halt, halt! Die Rede ist hier von „nachhängen“, nicht von „abhängen“, also nicht vom „Chillprinzip“, ein Prinzip, dass den langen Vormittag mit Waldesblick dazu nutzt, dem Ziel, nichts zu denken, nahe zu kommen. Auch ist die Rede hier nicht davon, den langen Vormittag wegen ausgefallenem Unterricht in der Cafeteria rumzuhängen-

nein, nein, die Rede ist, wie gesagt, davon,

dass einige unter euch dem Gedanken nachhängen könnten:

„Wie bin ich dahin gekommen, wo ich jetzt stehe?

Das will ich wissen, bevor ich erfahren kann, was noch aus mir werden könnte.“

Nun, wenden wir doch dafür einfach eine Modifikation der von Heinrich Schliemann entwickelten stratigraphischen Methode an. Einer Methode, die im Wesentlichen darin besteht, unter Hinzuziehung interdisziplinärer Kompetenz die „Kulturschichtenfolge“ der jeweiligen Böden zu klären. Das heißt, Schliemann wusste, was ihn in den mythischen Tiefen des Erdreichs erwartete- und zwar lange bevor er den ersten Spatenstich ansetzen ließ.

Wir sind zwar hier im Wald, aber der praktischen Arbeit doch entwöhnt. Die Modifikation der Schliemannschen Methode besteht also im intellektuellen Graben, quasi Schuften ohne zu schwitzen- was uns entgegenkommt.

Allein, auch hier scheint die„Kulturschichtenfolge“, der Humus, aus dem das Ereignis sprießt, vorab einiges zu verraten.

Da ist zuerst die erste, oberste Schicht, die kulturpolitische Dimension,

nämlich die Tatsache, dass ihr im August des Jahres 2000 als Siebtklässler zum ersten Mal in diesem Raum sitzen durftet, also genau in dem Jahr, in dem die Fetthenne(Sedum) als Staude des Jahres gewählt wurde.

Da saßt ihr also, ihr alle von Aline bis Zlatan ,von Baschin bis Zolnierczyk,.

Hoffnungsfroh schienen einige damals- schließlich war „Schwarzgeldaffäre“ das Wort des Jahres-,

manch andere neugierig auf das, was da kommen sollte,

wieder andere skeptisch angesichts des Alters der zukünftigen Lehrer,

schließlich auch einige enttäuscht, weil sie sich um die Erwartung auf modernste Computerausrüstung und Sport bis zum Abwinken betrogen sahen.

Hoffnungsfroh, neugierig, skeptisch, enttäuscht, aber bereit, sich in das vorgewärmte Nest zu setzen, sich bilden zu lassen, geistig aufzulockern.

Nun, nach ungefähr sieben Jahren, sitzt ihr wieder hier,

hoffnungsfroh, dass auf die Qual des schulischen Lernens, insbesondere für ungeliebte Fächer, nun die Kür des zielgerichteten Lernens folgt,

neugierig, weil andere Herausforderungen anstehen,

skeptisch, weil situationsbedingt Gewohnheiten und vertraute Mitstreiter verloren gehen, enttäuscht, weil mit der Abiturzeugnisverleihung keine Jobvergabe verbunden ist.

Wenn ihr hier jetzt sitzt, jetzt, wo eure Schulpflicht endgültig beendet ist, so ist dieses so eine Art Nachsitzen.

Der Ernst des Lebens droht, Besitz von euch zu ergreifen.

Das Sitzen ist euch zum Symbol eurer Lern-Bemühungen geraten, war Aufgabe, Chance und Tragik zugleich, Lust und Last. Die Wald-Oberschule war für sieben Jahre euer mentaler Hauptwohnsitz, für manchen freilich nur ein Scheinwohnsitz, allenfalls eine Art identifikatorischer Zweitwohnsitz, den man notgedrungen gelegentlich aufsucht, um nicht vorschnell an die Luft gesetzt zu werden.

Stellt man sich also die Kernfrage:

„Was ist denn diesen intelligenten, schönen, demokratischen, charmanten, sozialen, eloquenten, hilfsbereiten und stets fröhlichen und wachen Menschen an Kompetenzen in diesen Jahren an dieser Institution vermittelt worden?“

So ist die Antwort einfach und eindeutig: das Sitzen.

Manche mögen dieses jetzt als zu wenig erachten, aber:

Das Sitzen wird auch in Zukunft Euer Schicksal bleiben, gerät geradezu zu Eurer existentiellen Bestimmung, zur realfaktischen Quintessenz einer beruflichen Tätigkeit.

Zum Sitzen berufen! Administro ergo sedeo!

Und wir, das soll jetzt heißen, die Institution Wald-Oberschule mit all ihren Kräften, wir haben Euch darauf vorbereitet.

Natürlich biete ich Euch noch- schließlich bin ich ja Mathematiklehrer- eine griffige Formel zur Berechnung Eurer bisherigen durchschnittlichen Jahressitzdauer an( Start der PPT)

HSPA Die durchschnittliche Jahressitzdauer (horas sedens per annum)

HSPA=


Hierbei steht: FT für Ferientage

UAZ für Unterrichtsausfallzeiten

WWT für wirklich wichtige Termine

und TMF für den typischen mathematischen Faktor.

Andere rechnen komplizierter:

Doch für die notwendige Einübung, um Nachhaltigkeit zu erzielen, ist es wohl jetzt zu spät.

Denn alles bleibt Haschen im Wind, wenn die Lernenden das Lernziel nicht zu ihrem Ziel machen.

Doch verlieren wir nicht die anderen Dimensionen unserer Schliemann-Methode aus dem Auge.

Da ist zweitens die nächst tiefere Schicht, die globale Dimension,

nämlich dass in diesen sieben Jahre neben den furchtbaren Katastrophen des 11.Septembers 2001 in New York, des Augusts 2002 mit der Jahrhundertflut an der Elbe und des 26. Dezember 2004, mit dem Tsunami vor allem in Indonesien,

neben diesen furchtbaren Katastrophen also auch die Entwicklungen in der Politik, sowohl in Afghanistan, wie auch im Irak mit dem Begin des Krieges am 20. März 2003, die Gefahren der Klimaerwärmung und die nachteiligen Auswirkungen der Globalisierung eine Atmosphäre ruhigen, beschaulichen Lernens im gesicherten Kleinuniversum Wald-Oberschule nicht zuließen.

Nicht zu verschweigen natürlich auch die positiven Erschütterungen, nämlich dass wir in dieser Zeit- glaubt man der Bildzeitung- auch Papst wurden, Formel 1-Weltmeister wurden und fast Fußballweltmeister wurden.

Und wir, das soll jetzt heißen, die Institution Wald-Oberschule mit all ihren Kräften, haben wir auch in dieser Schicht Schwerpunkte für Eure Vorbereitung setzen können?

Natürlich. Wie auch immer. Aufrichtig. Nachhaltig.

Ist doch der aufrechte Gang die Verbindung zwischen zwei Sitzungen,

ist doch der aufrechte Gang Credo unserer demokratischen Ausbildung,

ist doch der aufrechte Gang Grundprinzip unserer pädagogischen Arbeit.

Dieser aufrechte Gang bezieht sich auf "Naturrecht und menschliche Würde". Ernst Bloch argumentiert juristisch, rechtsphilosophisch und -geschichtlich und erinnert damit an das "richtige Recht im Unterschied zum geschriebenen Recht“. Er weist auf die Notwendigkeit des Rechtsdenkens, der Übernahme von Recht in menschliche Hände hin, ohne die Würde und Stolz in der Tat bloße Appelle und Halbheiten bleiben.

Mir fällt dabei ein altes Lied der „Bots“ ein-

Ihr, ihr Jugendlichen, verbindet mit dem Namen Bots wohl eher kleine Computerprogramme oder Skripte, die euch stupide, langweilige und häufig auftretende Aufgaben abnehmen-

für mich steht der Name immer noch für eine holländische Band aus den 70er Jahren.

Ihr Name: bots (niederländisch botsen: „zusammenstoßen“)war Programm, das Lied von der Friedensbewegung inspiriert. Im Lied wurden alle Leute aufgerufen, für ihre Rechte zu kämpfen, eben aufzustehen.

(Einspielen)

Heute singen das, in ähnlicher Form, die Fußballanhänger von Schalke 04.

Ist das gesellschaftlicher Wandel oder Wandel der Gesellschaft? Bedeutet das Politisierung oder polarisiert das die Bedeutung?

„Der beschleunigte Wandel einer von Globalisierung geprägten Welt erfordert ein dynamisches Modell des Kompetenzerwerbs, das auf lebenslanges Lernen ausgerichtet ist“, so der Rahmenlehrplan für Mathematik der gymnasialen Oberstufe.

Sind also die Standards gesetzt worden, bieten sie Euch Orientierung für erfolgreiches Handeln? Habe ich Euch nicht als Schüler erlebt, die ihre interkulturelle Kompetenz erweitert haben und sich im Dialog und in der Kooperation mit Menschen unterschiedlicher kultureller Prägung aktiv und gestaltend einbrachten?

Nun, wie immer im Unterricht, ich fliehe in die nächste Dimension.

Dies ist nun, als tiefste Schicht, die letzte Dimension der Schliemann-Methode, die religiös-philosophische Dimension.

Logisch. Bei der Zahl. Vergessen? Sieben Jahre.

In der christlichen Zahlensymbolik des Mittelalters steht die Sieben für die Gnade bzw. für Ruhe und Frieden, denn sie ergibt sich aus den Zahlen Drei -Symbol für Gott: Die Dreifaltigkeit- und Vier -Symbol für die Welt; die Vier Elemente; Vier Wind- und Himmelsrichtungen. Somit steht die Sieben auch für den Menschen mit Leib und Seele.

Darüber hinaus hat die Sieben eine Sonderstellung: Die sieben Zwerge hinter den sieben Bergen im Märchen von Schneewittchen, die sieben Weltwunder, die sieben Tage einer Woche, und die Erschaffung der Welt in sieben Tagen.

Hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass ich Mathematiklehrer bin?

Wenn also ein Mathematiklehrer (Slogan unter Lehrern: Mathematiker) eine Rede hält, was soll schon anderes vorkommen als Zahlen oder Geschichten von Zahlen oder Zahlen aus der Geschichte oder unzählige Geschichten oder: „Ober zahlen“!

Da wir nun bei dem Begriff Erwartungshaltung gelandet sind: Erwartungshaltung ist normal! Typisch, zwei Begriffe der Wahrscheinlichkeitsrechnung!

Also. Na gut. Warum nicht. Erzähle ich Euch eine mathematische Geschichte.

Ihr seid mir ja ausgeliefert.

Sein ganzes Leben widmete Blaise Pascal der Mathematik und Physik,

fast sein ganzes Leben, denn ein paar Jahre vor seinem Tod gab er seine Liebe zu den Zahlen auf, ironischerweise nachdem er statistisch nachgewiesen hatte, dass es vorteilhafter sei, sich der Religion und der Philosophie zuzuwenden.

Sicher wollen jetzt alle Anwesenden wissen, wie er das gemacht habe, und erwarten komplizierte Gleichungen. Völlig richtig(ruft der Lehrer)!

Nun, Pascal stellte sich eine Waage vor und platzierte auf ihrer linken Seite den Erwartungswert hedonistisches Leben: EH

Vielleicht sollte ich den Begriff erläutern. Ein Anhänger des Hedonismus erklärt die Lust als höchstes Gut. Abwertend könnte man ihn als Mitglied der Spaßgesellschaft betrachten.

Also auf die Waage auf der linken Seite- quasi als Masse- der besagte Erwartungswert hedonistisches Leben EH,

gebildet aus dem Produkt der Wahrscheinlichkeit (Gott existiert nicht), und den Freuden des hedonistischen Lebens.

Als Masse auf der rechten Seite landete der Erwartungswert religiöses Leben ER,

das Produkt der Wahrscheinlichkeit(Gott existiert), mit den Freuden ewigen Glückes.

Die Entscheidungsregel war ganz einfach: die Seite, die sich senkt, ist die wesentliche Seite des Lebens.

Aufgeweckte fragen sich sicher, wie er denn das Problem der Variablen gelöst habe.

Nun, wie immer bei Zahlenkünstlern. Sie führen unberechenbare Größen ein, hier:

ewige Verdamnis entspricht, ewiges Glück entspricht also.

Damit neigte sich die Waage eindeutig nach rechts, zum Erwartungswert religiöses Leben ER.

Typisch für einen kopfgesteuerten Mann, aus dem Bauch heraus zu entscheiden!

Wir sind nun durch die Schichten durch. Die fünf Minuten sind um. Ich kann zum Schluss kommen. Ein schlauer Freund sagte mal:“ Kündige den Schluss an und fang dann deine Rede neu an, das mögen die Leute.“

Quasi wie ein Möbiusband, ein endloses geflochtenes Band, an eternal golden braid.

Douglas Hofstadter wählte dies als Titel seines Buches Gödel, Escher, Bach – ein Endloses Geflochtenes Band. Dabei berief er sich unter anderem auf den Mathematiker Kurt Gödel.

Dessen im Jahre 1931 veröffentlichten Unvollständigkeitssatz:

Jedes hinreichend mächtige formale System ist entweder widersprüchlich oder unvollständig,

können wir hier - frech wie wir sind - auch modifizieren:

Jede hinreichend gute, systematische Schulausbildung ist meist zu lang und trotzdem unvollständig.

Aus diesem scheinbaren Widerspruch lässt sich aber durch Eure Erfolge alles beweisen.

Ihr habt Euch entwickelt, Ihr geht, wir bleiben.

Doch noch Trauer in so einem glücklichen Moment?

Natürlich. Wie auch immer. Aufrichtig. Nachhaltig.

Denn schließlich seid ihr es doch, ihr, die nicht nur mir ans Herz gewachsen sind.

Ehrlich gesagt kann ich mir gar nicht vorstellen, wie ihr ohne mich weitermacht.

Nun, dann widme ich Euch zum Abschied dieses kleine Gedicht:

Ihr Großen und ihr Kleinen
Beladenen und auch Reinen
Ihr Klugen und Ihr Schlauen
Ihr Männer und Ihr Frauen


Es wird Euch sicher glücken
Mit Ruhme Euch zu schmücken
So denkt auf Eurer Weltenreise
Der Lehrer hier in diesem Kreise
Die eng mit Euch verbunden
genossen diese Stunden.

Also,

sitzt gerade, haltet Euch aufrecht und achtet immer auf den Horizont.


Jürgen Schäfer, 29.6.2007

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