Abiturrede 2006 - gehalten Solveig Knobelsdorf


Liebe Abiturientinnen und Abiturienten,

meine Damen und Herren!

Die „Findung“ des Abiturredners, respektive der Abiturrednerin ist mittlerweile ein literarischer Topos geworden, der sich in fast allen Abiturreden der letzten Jahre findet und den daher auch ich nicht auslassen möchte: Eines (bis dahin) schönen Tages im Mai tritt der Schulleiter mit der Bitte an mich heran, doch in diesem Jahr die Abiturrede zu halten. Überflüssig zu erwähnen, dass schon die Bitte stark appellativen Charakter hat, unterstützt wird sie durch die Erwähnung einiger Aspekte, die in diesem Jahr gerade mich dafür prädestinieren, diese schöne Aufgabe zu übernehmen. Auf Anhieb fallen mir mehrere Kollegen ein, die ebenfalls in diesem Jahr sicher darauf warten, mit einer derart hohen Ehre betraut zu werden, auch scheine ich mir selbst völlig ungeeignet zu sein, Reden im Allgemeinen und diese Abiturrede im Besonderen zu halten. Herr Ismer lauscht meinen Ausführungen höflich, aber ohne deutlich erkennbares Interesse und entlässt mich mit den aufmunternden Worten, dass ich ja noch genügend Zeit hätte, eine schöne und des Anlasses würdige Rede auszuarbeiten. Leider hat sich bis zum heutigen Tage kein Eingang zur Unterwelt aufgetan, um mich dort wenigstens temporär aufzunehmen, und so stehe ich nun hier und soll Ihnen die Abschiedsworte sagen.

Denn Abitur bedeutet Weggehen, sich Trennen, Abschied nehmen. „Unser Leben besteht aus Abschieden“ habe ich neulich selbst in einer Rede gehört und war zunächst eher erschrocken über diese Bemerkung. Aber natürlich nehmen wir jeden Tag Abschied voneinander, ohne dem größere Bedeutung beizumessen, da wir uns in der Regel am folgenden Tag oder wenigstens in der folgenden Woche wiedersehen. Dieser Abschied wiegt nun allerdings doch schwerer, denn selbst wenn Sie schon am Montag wieder durch das Schultor gehen, um die vielleicht doch noch gefundenen letzten Bücher zurückzutragen, so tun Sie es dann nicht mehr als Schüler dieser Schule oder Mitglieder dieser Schulgemeinschaft, sondern als Gäste. Sie nehmen also heute unwiderruflich Abschied von einer Lebensphase und wir von Ihnen als unseren Schülern, die uns in den vergangenen Jahren trotz manchen Ärgers doch recht lieb und vertraut geworden und ans Herz gewachsen sind. So ist heute etwas Wehmut vorhanden beim Blick zurück, aber gleichzeitig viel Hoffnung und hohe Erwartungen an das, was die Zukunft Ihnen bringen soll. Doch gestatten Sie mir zunächst einen Blick auf die hinter Ihnen und uns liegenden Jahre:

Sie sind der letzte Jahrgang, der noch im vorigen Jahrtausend in die Wald-Oberschule eingeschult wurde, und nicht nur die kalendarische Zeitenwende fällt in Ihr erstes Schulbesuchsjahr, auch für diese Schule fiel Ihre Einschulung in eine Zeit des Umbruchs. Ihre Klassenleiter waren Frau Bergner, Frau Hermann, Herr Kraut und Herr Baecker und schon diese Aufzählung straft die landläufige Meinung Lügen, dass sich in Lehrerkollegien über Jahrzehnte nichts verändere. 75 % Ihrer Klassenlehrer sind nicht mehr Mitglieder dieses Kollegiums! Im Dezember 1999 wurde der alte Schulleiter dieser Schule, Herr Reutlinger, verabschiedet und für seinen Nachfolger, Herrn Ismer, dürfte dieses Schuljahr, in dem Sie die 7. Klasse besuchten, vielleicht das turbulenteste seiner bisherigen Amtszeit gewesen sein. Sie spürten die Turbulenzen in häufigem Unterrichtsausfall, der Ihnen natürlich hoch willkommen, Ihren Eltern jedoch Grund zur Sorge war und der Eltern und Schulleiter schnell zu einer Schicksalsgemeinschaft verband im Kampf um Vertretungsmittel und Neueinstellungen. Im Laufe der 8. und 9. Klasse gerieten Ihre „Klassenschiffe“ dann in ruhigeres Fahrwasser. Sie selbst verfielen bis zur Mitte der 10. Klasse in den jahrgangstypischen Tiefschlaf, aus dem Sie allerdings erwachten, als das Betriebspraktikum begann. Glücklichen Umständen verdanke ich es, dass ich einen Teil von Ihnen dabei begleiten und somit zu wahrhaft prägenden Erkenntnissen gelangen durfte. Denn aus ständig kichernden oder dauerhaft beleidigten, obercoolen, aber auch superfaulen, permanent Kaugummi kauenden und zu spät kommenden Mützenträgern, deren sprachliches Repertoire sich auf die Ausrufe „zu viel“, „zu schwer“ und „total langweilig“ beschränkte, wurden binnen weniger Tage junge Erwachsene mit sicherem Auftreten und exzellenten Manieren, die kompetent und eloquent die bisweilen leicht verunsicherte und sich häufig fehl am Platz fühlende Lateinlehrerin durch Gewächshäuser, Kfz-Werkstätten, Montagehallen oder Arztpraxen führten und über die ich in den drei Wochen von Ihren Betreuern wirklich kein Wort der Kritik hörte. Was mich bei all’ den neuen Erfahrungen und Begegnungen mit mir sehr fremden Lebenswelten übrigens tröstete, war die Annäherung an Sokrates’ Erkenntnis:  "Ich weiß, dass ich nichts weiß ... und glaube auch nicht zu wissen, was ich nicht weiß.“ 

Leider währte Ihre Metamorphose nur drei Wochen, schon beim gemeinsamen Frühstück nach Abschluss des Praktikums erkannte ich Sie – mit leisem Bedauern - als meine Schüler wieder, aber mir war zum einen sehr deutlich geworden, wie vielfältig und anspruchsvoll die Herausforderungen in der Welt außerhalb der Schulmauern sind, zu deren Bewältigung wir Lehrer Sie in den nun verbleibenden drei Jahren der Oberstufe befähigen sollten, jedoch auch, über welche Potenziale Sie verfügen, ohne dass wir Lehrer dies in hinreichendem Maße zur Kenntnis nehmen. Wir hatten miteinander einen Blick in Möglichkeiten, aber natürlich auch in Unmöglichkeiten Ihrer Zukunft geworfen und bei der gemeinsamen Arbeit mit Ihnen in Grund- oder Leistungskurs habe ich mich manchmal an diese drei Wochen im Januar 2003 erinnert.

Ihnen boten die letzten Schuljahre die Möglichkeit, fachliche Schwerpunkte zu setzen und dabei vielleicht Ihre Interessen zu vertiefen, zu erkennen, dass auch die Parallelklassen aus Menschen bestehen, mit denen man sogar seine Freizeit verbringen kann, und schließlich – Punkte zu sammeln. Manche sammelten vom ersten Tag des 1. Semesters an, einige erst zwischen dem 7. und 9. Juni, am Ende hat es aber bei fast allen gereicht und so sitzen nun Eltern und Kinder gleichermaßen erleichtert hier und warten auf die letzten Schulzeugnisse. Dies ist nun aber auch der Moment, in dem wir Lehrer Bilanz ziehen, unsere Arbeit messen an dem, was vor Ihnen liegt, der Moment, in dem wir uns fragen, ob Sie den Herausforderungen der Zukunft gewachsen sind. Für diese Perspektive des gleichzeitigen Blicks in die Vergangenheit und in die Zukunft hatten die Römer in ihrer unendlichen Weisheit natürlich auch gleich den passenden Gott erschaffen, den inzwischen sprichwörtlich gewordenen, doppelgesichtigen Gott der öffentlichen Tore, des Eingangs und des Ausgangs, den Gott allen Anfangs -  Janus. Vielleicht ist seine Perspektive der ständigen Vor- und Rückschau genau das richtige Rezept, um die Gegenwart verantwortungsvoll zu gestalten. Es stellt sich also zum einen die Frage: Was erwartet man in Zukunft von Ihnen in dieser immer komplizierter werdenden Welt? Und  zum anderen: Hat das und speziell dieses Gymnasium Sie dafür befähigt, diesen Erwartungen gerecht zu werden?

Bei den Anforderungen ist immer wieder viel von Flexibilität und Mobilität die Rede, denn kaum jemand von Ihnen weiß jetzt schon genau, wohin sein Berufsweg ihn einmal führen wird. So wird es vor allem wichtig, sich den Unwägbarkeiten des modernen Lebens zu stellen und Ihnen gewachsen zu sein. Voraussetzung dafür sind vielfältige Grundkenntnisse und Einblicke in Naturwissenschaften und Gesellschaftswissenschaften, Sprachkenntnisse und mathematisches Denken. Da ist das deutsche Gymnasium mit seiner auch in der Oberstufe noch breiten und vielseitigen Palette der Fächer, die von Ihnen oft genug beklagt wurde, meiner Meinung nach immer noch auf dem richtigen Weg. Über so vielfältiges Wissen wie jetzt in diesem Moment werden Sie nie wieder in Ihrem Leben verfügen und das befähigt Sie dazu, nun die Weichen für Ihre Zukunft zu stellen und den für Sie geeigneten Weg einzuschlagen.

Doch von einer Latein- und Geschichtslehrerin kann man nicht erwarten, dass sie nur den unmittelbar zur Lebensbewältigung erforderlichen Kenntnissen und Fähigkeiten ihre Berechtigung im Fächerkanon zuspricht. Vielmehr muss es unser Anliegen sein, sozial verantwortliche ebenso wie glücks- und genussfähige junge Menschen auszubilden, und dazu leisten nun gerade die vermeintlich so nutzlosen Fächer wie Musik oder Kunst, Philosophie oder Religion, der Literatur- oder eben auch der Lateinunterricht den entscheidenden Beitrag. Dass Globalisierung kein neues Phänomen des 21. Jahrhunderts ist, sondern dass schon die Bewohner der griechischen Stadtstaaten im Zeitalter des Hellenismus die Erfahrung von Individualisierung und Ohnmacht machten angesichts der Tatsache, dass Entscheidungen von großer Tragweite im weit entfernten Alexandria oder Rom getroffen wurden, haben Sie im Geschichtsunterricht gelernt. Im Rahmen des Lateinunterrichts hat  Epikur Sie gelehrt, was kluger Genuss bedeutet, die Stoiker und Cicero, worin Ihre Verantwortung in der Welt liegt, Diogenes, wie man sich von der Gier nach Besitz emanzipiert. Im Deutsch- oder Englischunterricht sind Sie mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen und Lebenssichten konfrontiert worden, in den musischen Fächern haben Sie gelernt, durch Vergleich Kriterien für einen bewussten Umgang mit den Erzeugnissen der modernen Unterhaltungsindustrie zu entwickeln.

So ausgestattet entlassen wir Sie nun endlich ins „wahre Leben“     –        ich glaube, dass der eine oder die andere von Ihnen sich rasch nach Ihrer manchmal so heftig gescholtenen Schule zurücksehnen wird. Spätestens wenn Sie als erfolgreicher Abiturient hochmotiviert zum ersten Mal einen Hörsaal der von Ihnen gewählten Universität in dem gewählten Fach – sagen wir, in einem solchen Orchideenfach wie Jura -  betreten und feststellen, dass dort schon weitere 500 ebenso hoch motivierte Kommilitonen um die vorhandenen Plätze streiten, werden Sie überfüllte Leistungskurse als reine Idylle empfinden. Vielleicht wird unter solchen Umständen Ihre Einsatzbereitschaft doch einen starken Dämpfer bekommen, und nicht jeder von Ihnen mag auch jetzt schon die nötige Härte besitzen, um sich in einem solchen Massenbetrieb durchzusetzen. Hier gibt es dann vielleicht niemanden mehr, der Sie - wie Ihre Lehrer durch die Gymnasiale Oberstufe und das Abitur - durch Ausbildung und Studium trägt und an Ihrem Erfolg auch die Qualität der eigenen Arbeit misst. Für welche Ausbildung oder welches Studienfach Sie sich auch entscheiden werden, denken Sie daran, dass Sie doch Ihres Glückes eigener Schmied sind und auch ein Studium eines geisteswissenschaftlichen Massenfaches nicht automatisch in einem Job als Taxifahrer enden muss. Welche düsteren Prognosen es auch über die künftige Lage auf dem Arbeitsmarkt gibt, vergessen Sie nicht, dass es nur Voraussagen sind, deren Zuverlässigkeit so hoch wie ein Sechser beim Lotto selten ist.

Besinnen Sie sich dann auf das, was die Schule und die in ihr tätigen Lehrerinnen und Lehrer Sie nicht nur in den Unterrichtsstunden, sondern auch im ständigen Umgang miteinander, in manchem Gespräch in der Pause oder auf Exkursionen, vielleicht auch manchmal durch das persönliche Vorbild gelehrt haben. Denn letztendlich dient nach meiner Meinung jeglicher Erwerb von Wissen und von Bildung doch nur dem einen Ziel, Sie zu befähigen, die richtigen Entscheidungen und Unterscheidungen zu treffen, die Entscheidung zwischen richtig und falsch, gut und böse, gerecht und ungerecht.

Was soll ich Ihnen nun zum Schluss mit auf Ihren Lebensweg geben? Ich habe ein wenig in den Sprüchen der Sieben Weisen geblättert und dort auch viel Gutes und Beherzigenswertes gefunden: „Nichts im Übermaß“ – das sollten sich einige von Ihnen sicher zu Herzen nehmen, andere leben nach diesem Motto seit ihrer Einschulung...  „Lerne zu gehorchen und du wirst zu herrschen wissen“ – ein die Karriere förderndes Motto. „Hab nicht mehr Recht als deine Eltern!“ – Das erfreut die Mehrheit der hier Versammelten. Und im Sinne der Lehrer: „Unbildung ist eine Last.“ Schließlich bin ich doch bei dem Ihnen allen wohlbekannten und leider häufig missbrauchten, Epikur zugeschriebenen und bei Horaz überlieferten „Carpe diem“ angekommen. (Das musste natürlich noch kommen, ohne Latein geht es bei mir eben nicht!) Carpe diem heißt natürlich nicht, dass Sie Ihr Leben nur in vollen Zügen genießen und alles Unbequeme vermeiden sollen. Das Horaz-Gedicht mit den berühmten Worten beginnt nämlich mit einer Warnung: „Tu ne quaesieris, scire nefas, quem mihi, quem tibi diem di dederint... -  Du weißt nicht, wie viele Tage die Götter dir oder mir noch zugemessen haben.“ Und erst daraus leitet er die Aufforderung ab: „Sapias“ – sei weise, bediene dich deines Verstandes – „carpe diem, quam minimum credula postero!“ – Nutze den Tag und verlass dich nicht erst auf den folgenden. Bedienen Sie sich also Ihres Verstandes! Leben Sie jeden Tag  bewusst! Ihr Leben mit allen seinen Chancen und Risiken liegt vor Ihnen, Ihre Eltern und Ihre Lehrer haben Sie zu selbstbewussten und gebildeten Menschen erzogen, Sie haben die Freiheit, Ihre Zukunft selbst zu gestalten. Dass Sie diese Freiheit richtig nutzen, sie auch für andere fordern und anderen Menschen und Meinungen offen und respektvoll begegnen, dass Sie auf diese Weise den Tag zu nutzen wissen, das wünsche ich Ihnen.

In diesem Sinne : Carpe diem  -  carpe vitam!




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