Sehr geehrte Eltern und Verwandte, verehrte Gäste, liebe Kollegen und Kolleginnen, lieber Herr Ismer, und vor allem liebe Abiturienten, denn an Sie richtet sich meine Rede in erster Linie
Ich habe mich freiwillig und gern dazu bereit erklärt, die heutige Abiturrede zu halten, da es für mich die einzige und auch die letzte Gelegenheit ist, mich an die gesamte Schülerschaft eines Jahrganges, von dem ich nur einen Teil im Unterricht hatte, zu sprechen. Als ich mich dazu entschloss, stand ich vor dem Dilemma, meiner Rede ein Konzept zugrunde zu legen, welches nicht nur rührselige, treugesinnte, schmeichelhafte Gratulationen, allgemein bekannte Platituden, abgedroschene Witzelchen, moralisierende Aphorismen, gut gemeinte und wenig überzeugende Ratschläge fürs Leben beinhalten sollte, sondern...
...ja was denn sonst?
Ist dies überhaupt vermeidbar, wenn man andererseits keine Absicht hat, ein polemisches, sarkastisches, subversives, alle Gemüter erschü1ferndes Manifest dem in freudiger Stimmung versammeltem Publikum zu verbreiten?
Also, versuchen wir das Unvermeidbare erträglich zu gestalten...
Im Laufe der letzten 13 Jahre, die Sie in den schulischen Einrichtungen verbracht haben, haben Sie ja nicht selten bewiesen, wie kritisch, berechtigt oder nicht, Sie sein können. Diese für die Jugend so typische Eigenschaft kann man Ihnen wahrhaftig nicht absprechen. Alle wissen wir, was an der bis jetzt funktionierenden Berliner Schule auszusetzen ist in der Zeit, in der die Parole heißt: “Wir müssen sparen, koste es was es wolle.“ Die Schulzeit haben Sie also hinter sich gebracht, der Makel der Unreife ist aus Ihrem Lebenslauf ausradiert. Wir haben Ihnen Reife bescheinigt.
Ich gratuliere Ihnen, Ihren Eltern, die den Stress der letzten Wochen mit Ihnen geteilt und ertragen haben, Ihren Lehrern, die Sie mit Rat und Tat und auch mit viel Liebe, ja, Liebe zu diesem Ziel geführt haben.
„Tutto è bene che finisce bene”, oder für die, die sich das Vergnügen des Italienischunterrichts entgehen ließen: Ende gut, alles gut.“
„Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium. Wir betreten feuertrunken, Himmliche, Dein Heiligtum.“
Vor einigen Jahren in einer Rede an Ihre genauso wie Sie heute in euphorischer Freude schwebenden Vorgänger hat eine Elternvertreterin folgende Worte gerichtet: „Ihr könnt stolz sein, denn Ihr seid jetzt gebildet.“
Ohne Ihre Euphorie über die erzielten Prüfungsresultate und den erfolgreich vollendeten Lebensabschnitt schmälern zu wollen, möchte ich heute für Sie alle den Begriff Bildung und gebildet sein unter die Lupe nehmen.
Ist es Ihnen wirklich eindeutig klar, was es bedeutet "gebildet" zu sein?
Ist es
- die geistige und körperliche Formung des jungen Menschen, die die antiken Meister nach dem Motto „Mens sana in corpore sano“ praktizierten.
- die universelle Vervollkommnung des Menschen, wie sie die humanistische Doktrin in der Renaissancezeit verstand ("Homo sum et humanum nihil per me alienum puto")...
- die, welche die Schule als Staatliche Einrichtung im 20. Jahrhundert ab der Nachkriegszeit bekommen und nach bestem Wissen und Gewissen für Sie durchgeführt hat. Das Schulgesetz der Berliner Schule Teil I §1 lautet nämlich wie folgt: „Auftrag der Schule ist es, alle wertvollen Anlagen der Schülerinnen und Schüler zur vollen Entfaltung zu bringen und Ihnen ein Höchstmaß an Urteilskraft, gründlichem Wissen und Können zu vermitteln.“
Oder ist es das geistige und innere Geformtsein des Menschen, welches den Rahmen der schulischen Gemäuer sprengt und in der weitgehend härteren Schule des Lebens stattfindet.
Sind das also die vielseitigen Kenntnisse, die man an der allgemeinbildenden Schule unter der Anleitung mehrerer hochspezialisierter Lehrer im Laufe der Schulzeit erwirbt oder ist das die Erudition, die man auch aus intrinsischer Motivation, aus eigenem Antrieb mit Zuhilfenahme dicker Bücher in der verstaubten Stille der Universitätsbibliotheken erwirbt?
In welchem Sinne fühlen Sie sich heute gebildet? In dem antiken, dem humanistischen oder in dem modernen?
Im breiteren, gängigem Sinne kann Bildung eines Individuums auch mit gutem Geschmack, guten Manieren, mit Herzensgüte, scharfsinnigem Urteil, Belesenheit, Redegewandtheit, dem Sinn für Wert, Anstand, Takt, für Anspruchsvolle auch noch mit sozialem Verhalten, Empathie für Leid der Mitmenschen und Solidarität mit denen, die für ihre Rechte kämpfen gleichgesetzt werden. Hier hätte die wechselseitige Einwirkung der Familie, der Schule und der Gesellschaft gleichermaßen für gute Resultate sorgen müssen.
Ist es in Ihrem Falle von Erfolg gekrönt?
Ist es in Ihrem Empfinden der Fall gewesen; sind Sie auch so gebildet?
Wenn nicht, dann wird Ihnen das Leben leider keine Möglichkeit bieten, Klassen zu wiederholen, um diese Bildungslücken zu schließen.
Wenn nicht, so ist es höchste Zeit - jetzt nun alleine - Versäumtes nachzuholen, bevor das Leben Sie bestraft.
Wenn ja, dann könnten wir uns alle gegenseitig auf die Schulter klopfen, einen universellen Menschen geformt zu haben.
Das Konzept der Bildung, ist also breit gefächert, abgesehen von der Tatsache, dass auch dieses Phänomen in der Weltordnung der Relativitätstheorie unterliegt und von Epoche zu Epoche, von Volk zu Volk, von Land zu Land, von einer Staatsform zu einer anderen variiert.
Bildung ist in unserem Lande laut Schulrecht sowohl Pflicht. als auch Recht: § 2 des Schulgesetzes besagt nämlich Folgendes:
"Jeder Mensch hat ein Recht auf zukunftsfähige schulische Bildung und Erziehung" Ich würde darüber hinaus Hunger, Appetit, Bedürfnis nach Bildung bei den zu bildenden Schülern voraussetzen.
War es bei Ihnen auch immer der Fall? Waren Sie immer bildungshungrig und wissbegierig? Dann horchen Sie bitte, was eine im Jahre 1991 durchgeführte Umfrage des Instituts für Kulturvermittelnden Unterricht für ein himmelschreiend niedriges Wissensniveau einer repräsentativen Schülergruppe im Alter zwischen 12 und 18 Jahren enthüllt hat.
Laut Veröffentlichung hielten im Multiple-choice- Verfahren
- 82 % der Gefragten Hieronymus BOSCH für den Erfinder des Kühlschranks!
- 67 % hielten Robert KOCH für den Erfinder des Kochbeutels!
- 78 % hielten Rainer Maria Rilke für den Erfinder der Schallplatte,
- 55 % Christoph COLUMBUS für den Geschäftsführer von Columbus-Reisen und nur 1 % für den Entdecker Amerikas!
- 55 % hielten Karl MARX für den Vater von Max und Moritz, wenn sie ihn nicht gerade mit Karl May, dem Vater von Old Shatterhand und Winnetou verwechselten.
- Käthe Kollwitz (sprich: Callwitz) wurde in 77 % der Fälle für die erste Telefonhumoristin gehalten, den übrigen 33 % war sie gänzlich unbekannt.
- 12 % der Befragten glauben, dass Christoph Willibald Gluck der Begründer des polyphonen Gurgelchor-Gesanges ist.
- Herbert von Karavan (ja, Sie hören richtig, Karavan) ist des Konstrukteur des ersten Wohnwagens (62 %) und in 30 % der Besitzer des Campingplatzes. Dem Rest ist er unbekannt.
- Es gibt Schüler, die zu den Nibelungen- und Artussage auch noch die Wettervorhersage rechnen und andere, für die der Plural von Lebensgefahr Lebensgefährtin ist! Laut anderer ist Paul Klee ein deutscher Botaniker und Friedrich Gottlieb Kloppstock in 54 % der Begründer der autoritären Pädagogik im 19. Jahrhundert und in 24 % ein Musiker, der einen stockgestützten Dirigierstil entwickelt hat.
- Der große Fritz ist in die Geschichte übergegangen, weil er die "pommes frites", die "Pommes" erfunden hat!
Und woanders soll eine Grundschullehrerin in einer Grammatikstunde gefragt haben: „Ich werde bald heiraten: „Was ist es für eine Zeit?, Na, Jessika?“ Da antwortete die Gefragte: „Höchste Zeit!" Das ist aber Anekdote.
Spaß beiseite. Enzyklopädisches Wissen, die Erudition ist wichtig, zweifelsohne, jedoch ist sie noch lange nicht die ganze Kultur: Sie ist nur eine der vielen Facetten des kultivierten Menschen, welcher ein Abiturient per definitionem sein sollte.
Dennoch ist es Aufgabe der Lehrer seinen Schülern in erster Linie Wissen zu vermitteln, also Sie haben sicherlich oft im Unterricht von ihnen zu hören bekommen: ,,Das zu wissen gehört zu Allgemeinbildung". „Das muss man wissen, wenn als gebildet gelten will" oder auch „Achtung, Pisastudie!“
Ihre Lateinlehrer haben Ihnen bestimmt ständig mit Maximen wie: "Nec scholae, sed vitae discimus", oder: "Ad augusta per angusta", in den Ohren gelegen. Keine Übersetzung. Jeder von Ihnen hat doch jahrelang den Unterricht der Mutter aller Sprachen genossen. Übrigens: Früher musste der Mensch von Welt unbedingt seinen Vortrag mit lateinischen Zitaten spicken, wenn er den Eindruck erwecken wollte, gebildet zu sein. Aber wer tut es heute noch, ohne pedantisch zu wirken?
Die feineren Gesellschaftsschichten müssen heutzutage auch nicht mehr der französischen Sprache mächtig sein, um in den möndänen Salons zu brillieren. Jetzt übernimmt leider das Denglisch diese Aufgabe (mit mehr Erfolg bei weniger Erudition allerdings).
Wir sind hier dennoch eine allgemeinbildende Schule, die jedem einzelnen Schüler Fähigkeiten, Fertigkeiten und Werthaltungen vermittelt, die ihn in die Lage versetzen sollen, seine Entscheidungen selbstständig zu treffen und selbstständig weiterzulernen, um berufliche und persönliche Entwicklungsaufgaben zu bewältigen und das eigene Leben zu gestalten. Sie muss auch jedem einzelnen Schüler gleiche Chancen auf Bildung eröffnen, damit er dann nach Neigung und Begabung seine berufliche Formung fortsetzen kann. Das Berliner Schulsystem hat Ihnen, das muss jeder zugeben, eine recht große Freiheit gelassen, Ihre Fächerkombination nach individuellem Interesse und Zukunftsperspektiven im Sinne des weiteren Studiums und späterer Berufschancen zu gestalten.
Haben Sie bereits eine Wahl getroffen? Ist sie auch die richtige?
Denn es gibt meines Erachtens keine schlimmere Strafe, als einen unliebsamen Beruf auszuüben, zu dem einem nur solche Begriffe wie: Stumpfsinn, Unsinn, Blödsinn, Schwachsinn und Wahnsinn einfallen.
Ja, um die Allgemeinbildung, um die "culture generale", die Allgemeinkultur, die all das vorher Gesagte beinhaltet, geht es mir in dieser Rede.
Die Franzosen besitzen die bewundernswerte Gabe, zu jeder trockenen Definition ein geistreiches bon mot zu schöpfen. So sagte Andre Maurois eines Tages folgende Worte "La culture est ce qui reste quand on a tout oublié". (Die Allgemeinkultur ist das, was übrig bleibt, wenn man alles vergessen hat.) Unser Hirn besitzt zwar eine grenzenlose Kapazität, Informationen, Erfahrungen, Regeln, Lösungen, Verfahren, Assoziationen und ganze Denksysteme zu speichern, jedoch das Leben stellt uns vor die Aufgabe, unser Allgemeinwissen zu reduzieren zugunsten einer engeren Spezialisierung. Und genau das wird Ihnen im Laufe Ihres Studiums und Ihres Berufslebens passieren. Vorausgesetzt, das man genug im Kopf hat, um reduzieren zu können. Denn was soll man da vergessen, wenn man zu wenig gelernt hatte.
Hören Sie nun, wie ein bereits pensionierter Kollege reagierte, als ihn nach abgeschlossener Schulzeit ein Absolvent, des Leistungskurses mit folgenden Worten ansprach: ,,Also, ich danke Ihnen, Herr Professor für alles, was ich bei Ihnen gelernt habe.". "Oh", erwiderte der Professor: "Diese Kleinigkeit ist doch nicht der Rede wert!"
„Se non è vero, è ben trovato” und wenn es nicht wahr ist, ist’s gut erfunden.
Vergessen Sie ruhig das, was Sie augenblicklich nicht gebrauchen können; aus dem Computer in Ihrem Kopf wird es zu gegebener Zeit leicht abzurufen sein und lernen Sie dafür Neues und im Augenblick Unentbehrliches. Und wisset, man hat nie umsonst gelernt.
Jetzt müssten Sie also fürs Leben gerüstet sein.Sie werden gehen "ut fata trahunt". "Acta est fabula" "La pièce est jouée" "Finita la commedia" "Das Spiel ist aus". Solche Zitate könnte man noch in weiteren Sprachen stundenlang weiterführen. Wenn ich sie vortrage, ist es nur um zu beweisen, dass Sie nicht die Ersten und nicht die Einzigen auf der Welt sind, die flügge geworden sind, die es zu etwas gebracht haben, die reif fürs Leben sind und dass es ab jetzt gilt das Leben anzupacken.
Irren ist menschlich, errare humanum est, aber: Der Mensch hat dreierlei Wege, klug zu handeln:
Erstens, durch Nachdenken; das ist der edelste, nicht vergessen: Cogito, ergo sum.
Zweitens, durch Nachahmen; das ist der leichteste. Aber Vorsicht: Man kann niemanden überholen, wenn man in seine Fußstapfen tritt!
Und drittens, durch Erfahrung; das ist der teuerste (Lehrgeld!) und auch der schmerzlichste Weg.
Das erste Prinzip ist zu handeln: Erfolge zählen, Misserfolge werden gezählt. Eine Welt voller Möglichkeiten liegt vor Ihnen offen. und will von Ihnen gestaltet und verbessert werden. Nutzen Sie die Gelegenheit dazu und betrachten Sie die Dinge nicht nur aus der Zuschauer- oder Konsumentenperspektive. Werden und bleiben Sie aktiv, konstruktiv, kooperativ und kritisch zugleich. Und kokettieren Sie niemals mit vermeintlich entschuldbarem Unwissen und platten Sprüchen, die in der Gesellschaft im Umlauf sind, wie z.B.: "Ich habe keine Ahnung, davon aber eine ganze Menge", oder: "Ich weiss es nicht, das aber besser." oder wie so mancher sagt: "Ich bin schulgeschädigt.", "Die Schule hat mir die Literatur überdrüssig gemacht.", "In Mathe stand ich permanent 5“.
Wir haben Ihnen doch ein Abitur- und kein Armutszeugnis ausgestellt! Und Ignoranz ist wahrhaftig keine Tugend!
Nur eins droht Ihnen leider in der Zeit der Sparmaßnahmen und der Arbeitslosigkeit: Stellt euch vor, Ihr stellt euch vor und keiner stellt euch an? Was dann?
An dem Punkt endet leider der Einflussbereich der Schule. Aber vielleicht haben Sie doch bei uns gelernt, dass die wahre praktische und existenzaufbauende Intelligenz darin besteht, aus den, sei es noch so ungünstigen Umständen und gegebene Gepflogenheiten für sich das Beste und Nützlichste zu machen, indem man initiativ, kreativ, aktiv und dazu optimistisch wird und bleibt.
Verkaufen Sie ihr Wissen und Können, aber nicht Sich selbst Legen Sie Wert auf Ihren eigenen Wert. Vernachlässigen Sie sich und Ihre Bildung nicht. Ein gebildeter Mensch darf nicht aufhören, sich weiterzubilden (Wer hat da gesagt: "Wer nicht mehr lernt, wer nicht mehr strebt, der lasse sich lebendig begraben?")
Und falls der Begriff „Konsum“ in unserer jetzigen Gesellschaft noch aktuell ist, konsumieren Sie in vollen Zügen, aber bitte das Richtige: Bildende, innerlich bereichernde, aufbauende und sensibilisierende Bücher, Musik und Kunst. Schließen Sie oder vertiefen Sie Freundschaften in der ganzen Welt, der Welt die Sie mit wohlwollendem Interesse kennen lernen werden, finden Sie die Frau, den Mann des Lebens, gründen Sie harmonische Familien, empfangen Sie und geben Sie anderen Menschen Liebe und Geborgenheit, achten Sie die Anderen, wie Sie selbst geachtet werden möchten, seien Sie oder werden und bleiben Sie erfolgreich und glücklich!
Und bescheiden zum Schluss: Vergessen Sie die gute alte Alma Mater nicht!