Abiturrede 1999 - gehalten von Erwin Kraut


Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Sehr geehrte Eltern unserer Abiturientinnen und Abiturienten!

Liebe Gäste!

Sie alle werden mir hoffentlich verzeihen, dass ich mich nun Ihnen ab- und den Hauptpersonen des heutigen Tages zuwende.

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten!

Ich möchte Euch allen zum Bestehen des Abiturs sehr herzlich gratulieren.

Wie gewohnt habe ich die Anredeform des "Du" benutzt um nicht zum Schein den Anforderungen des Schulgesetzes zu genügen, Euch mit der distanzierten Anrede des "Sie" zu adressieren. Vielmehr möchte ich den hier enthaltenen Zwiespalt zum Thema machen.

Ich möchte Euch einladen, mit mir einige Gedanken zum Thema "Schein und Sein" zu ventilieren, und die Bedeutung dieses antagonistischen Wortpaares für Eure Schullaufbahn, die jetzige Situation und vielleicht sogar darüber hinaus zu untersuchen.

Beginnend mit dem kurzen und doch sehr schwierigen Wort "Sein" hilft uns vielleicht ein sehr einfacher Volksbrockhaus mit der folgenden Definition:

"Sein, das, die allgemeinste Eigenschaft alles Wirklichen (Gegensatz: Nichtsein, Nichts), Gegenstand der Ontologie: es umfaßt sowohl die Tatsache, dass etwas ist (Dasein, Existenz), wie was etwas ist (Wesen, Essenz)."

Da dies für uns alle in seiner Einfachheit frappierend und sofort verständlich ist, blättern wir weiter und finden unter dem Stichwort "Schein" folgenden Eintrag:

"Schein, Johann Hermann, Komponist 1586 - 1630, Thomaskantor, Motetten, Konzerte, Lieder etc." Aber wir finden keinen weiteren Eintrag, doch folgt sofort:

"Scheinehe, eine Ehe die zwar in gesetzlicher Form geschlossen ist, aber der Erreichung von Zwecken dient, die außerhalb einer ehelichen Gemeinschaft liegen."

Auch ohne auf den Zweck einer ehelichen Gemeinschaft einzugehen wird deutlich, dass mit diesem Begriff etwas nicht stimmt, zumal sehr bald das Wort "Scheintod" folgt. Da uns unser sehr einfaches Nachschlagewerk im Stich gelassen hat, möchte ich nun mit der Untersuchung des Begriffs "Schein" hinsichtlich seiner Bedeutung für die Schule beginnen.

Zunächst zu Eurem Status am heutigen Tag. Schüler seid Ihr ja nicht mehr und auch der Begriff "Noch-Schüler" ist so wenig treffend wie "Noch-Nicht-Nicht-Schüler". Damit ist wohl die Bezeichnung "Schein-Schüler" angemessen, zumal Ihr hier seid um die Bescheinigung zu erhalten, dass Ihr den Lebensabschnitt Schüler an einer allgemeinbildenden Schule abgeschlossen habt.

Hier liegt nun im Sinne einer Definition die erste Bedeutung des Begriffes "Schein" vor: das Zertifikat oder die Urkunde.

Dass Ihr geboren ward und somit einen Geburtsschein hattet, setzten wir als Institution voraus. Doch um Euch zu wirklichen Schülern zu machen testeten wir Euch und gaben Euch die Bescheinigung Eurer Schulfähigkeit, die wir sorgfältig an den Beginn Eures Schülerbogens hefteten.

Nachdem wir einige Jahre wortreich beschrieben hatten, welche Noten Ihr eigentlich verdient gehabt hättet, gaben wir Euch endlich die lang erhofften oder auch befürchteten Bescheinigungen über Eure nach unserer Meinung - Leistungsfähigkeit, die halbjährigen Zeugnisse.

An dieser Stelle scheint mir ein kurzer Exkurs zu einen weiteren Wortpaar dringend geboten, das manche sicher sofort assoziierten: "Schein und Haben". Dies wird jedoch weniger als Gegensatzpaar gesehen und dient somit nicht einer ernsthaften Untersuchung zum Anlaß des heutigen Tages. Dem Verständnis liegt hier eher ein dringender Vereinigungswunsch zu Grunde. Diese Synthese läßt sich im Schülerleben leicht herstellen, oder für Euch besser - im Sinne des Plusquamperfekt Konjunktiv - hätte sich leicht herstellen lassen. Denn: "Die Menge der Scheine, die zur Höhe der Kaufkraft eines Schülers führt, ist proportional zur Qualität der halbjährlichen Bescheinigung."

Zurück zum Thema:

Der wichtigste Schein im Leben eines Schülers ist natürlicherweise der Führerschein. Die intrinsische Motivation in dieser Schule für das Leben bewirkt eine ungeahnte Konzentration auf das Wesentliche, stimmt so mit dem "Sein" überein, und läßt andere Vermittlungsbereiche als so nebensächlich erscheinen, dass die Lehrer an staatlichen Bildungseinrichtungen irritiert auf ihre Kollegen Fahrleher blicken. Dem Bildungskanon der allgemeinbilden Schule mangelt es hier offensichtlich daran, die zu vermittelnden Fähig- und Fertigkeiten als notwendig zur Steuerbarkeit des Lebens begreifbar zu machen.

Eine weitere Bedeutung des Begriffs "Schein" wird in der folgenden Beobachtung deutlich:

"Die Menge der Schüler der Wald-Oberschule bewegt sich kurz vor acht die Lötzener Allee hinunter und nach mehr oder weniger kurzem Aufenthalt vor dem Tor begeben sich alle in die entsprechenden Unterrichtsräume.

Alle? Fast alle!

Eine nicht näher bezeichnete Schülerperson X löst sich aus der Gruppe, begibt sich in die Deckung des Wäldchens und wird an diesem Tag als nicht anwesend vermerkt."

Er war nicht - wie seine Mitschüler anscheinend , sondern nur scheinbar auf dem Weg zur Schule.

Hier vermerkt der Duden als Definition:

"scheinbar: nur dem (der Wirklichkeit nicht entsprechenden) Scheine nach". Zur Klarstellung werden folgende Sätze nachgeschoben: "Er hörte scheinbar aufmerksam zu (in Wirklichkeit war dies nicht der Fall); aber: er hörte anscheinend aufmerksam zu (wie es den Anschein erweckte, hörte er aufmerksam zu)."

Der Duden, mit dem erstaunlichen Untertitel einer älteren Ausgabe: "maßgebend in allen Zweifelsfällen", geschrieben für die Hand des Schülers in Klausuren und die seiner Lehrer bei der Korrektur derselben, kennt zweifellos die Lebenswelt seiner Adressaten sehr genau.

Geht man aber dem hier verwendeten Begriff der "Wirklichkeit" nach, so stößt man sehr schnell auf Schwierigkeiten. Diese existieren im Denken Europas seit mindestens zweieinhalb Jahrtausenden, die Ideenwelt Platos basiert auf der Unterscheidung zwischen der Realität und dem Erscheinungsbild. Das Denken des 20. Jahrhundert erkennt diese Realität aber als nicht mehr objektiv beschreibbar an und so ist nach John Brockmann "die Realität möglicherweise nichts anderes als das immaterielle Gespinst unserer beschreibenden und erklärenden Sprache." (vgl. Theorien der Physik, nach denen wir im subatomaren Bereich die Welt erfinden, und nach Theorien der Linguistik).

Sieht man den Denkprozess als physikalisch/chemischen Vorgang, so fangen zum Ende des 20. Jahrhunderts die Grenzen zwischen der von uns erfundenen Welt und den computergenerierten Wirklichkeiten an zu verschwimmen. Wo liegen denn die Unterschiede zwischen den Engrammen im Gehirn als Grundlage unserer menschlichen Existenz und den Computerprogrammen, die eben diese Existenz zunehmend bestimmen?

Mit der Erfindung des PC im Jahre 1977 beginnt das Zeitalter der "Virtual Reality", dem das ausgehende Jahrtausend prägenden Wortspiel.

Computergeneriertes wird für viele zum Herrscher über die Zeit (Schlagzeile: "Internet und vernetzte Computer haben ein universelles Zeitregiment errichtet, das ohne historische Vorläufer ist", Tagesspiegel v. 19.6.99): Datenverarbeitung in der Arbeitswelt ist längst Normalität. Die zeitraubende Formatierung ( wie etwas dargestellt wird) wird wichtiger als der Inhalt (was es ist).

Hierauf seid Ihr vorbereitet durch Gameboy, Computerspiele und Cyberspace-Erlebniswelten. Der erste Krieg, an dem deutsche Soldaten nach dem Ende der Zeit des Nationalsozialismus teilnahmen, wurde beim täglichen Natobriefing zum Ballerspiel (Schlagzeile: "Die Welt? Ein Videospiel in dem man sterben kann", Die Zeit, 17.6.99). Das Surfen im Internet nimmt einen so großen Teil der Zeit ein, dass Kommunikation zum Chat wird. Referate werden so ganz nebenbei heruntergeladen oder aus der Encarta kopiert. Das Handy schließlich macht den Chat überall möglich.

Muss ich Euch erzählen:

"Ruft mich doch neulich ein Freund in der Philharmonie an um mir zu erzählen, daß er gerade zu Hause in der ersten Reihe eine Live-Übertragung der Philharmoniker miterlebe, die ich mir doch auch unbedingt reinziehen müsse. Ich - mitten im romantischen Dialog zwischen Horn und Cello - frage ihn, ob er auch an derselben Stelle sei, und richte mein Handy zum Orchester aus."

Da wir nun in die Berliner Kulturszene hineingeraten sind, möchte ich einige Veranstaltungsorte für Feiern oder Unternehmungen im Zusammenhang mit dem bestandenen Abitur empfehlen. Garantien für reale Erlebnisse kann ich hier natürlich keine abgeben, zumal die Namen auch auf Fragwürdiges schließen lassen.

So möchte ich Musikinteressierten das Quasimodo empfehlen, hier werden in einer dunklen Gruft durchaus musikalische Funken versprüht.

Computerbesessenen sei das Virtuality Café ans Herz gelegt, in dem man doch wohl erwarten darf, daß man einen realen Kaffee bekommen kann.

Cabaretinteressierten sei die Scheinbar angepriesen, in der der Barkeeper sicher auch Cocktails mixt und nicht nur alkoholfreies Bier ausschenkt.

Von hier besteht eine direkte Verbindung in die Bar Jeder Vernunft. Welcher Ratiomix Euch hier erwartet, müßt Ihr schon selbst herausbekommen.

Bei all diesen Wirrungen und sprachlichen Bedenklichkeiten muss sich die Schule den Veränderungen (eventuell auch nur Ver-Anderungen) stellen. Vielleicht hilft uns hier die Rückbesinnung auf den Begriff des "Seins". Was haben wir - so die Frage - als Institution getan, um die Übereinstimmung von "dass etwas ist" und "was es ist", begreifbar zu machen.

Vielleicht ist es uns in seltenen Stunden gelungen: wenn der behandelte Gegenstand so interessant wurde, dass wir die Zeit vergaßen.

Vielleicht auf den Fahrten: bei der Paddeltour auf der Mecklenburgischen Seenplatte hatte ich durchaus das Gefühl, dass dies eine Seinserfahrung für uns war. Dies gilt sicher auch für die Skireise mit zwei Klassen dieses Jahrgangs ins Val di Fiemme.

Vielleicht am erstaunlichsten fand ich das Interesse von ca. 120 Schülern und Ehemaligen, die alle ihr Bestes taten, das Musical vor einigen Wochen auf die Bühne zu bringen.

Sicher auch noch zu nennen ist die an einer ausländischen Schule verbrachte Zeit, die nur scheinbar zum Verlust eines Jahres führte, in Wahrheit aber durch den vertieften Einblick in eine fremde Kultur und durch das zumindest temporäre Entrinnen aus der nationalen Nabelschau einen Gewinn für das Leben bedeutet.


Um diese Gedanken abschließend fruchtbar zu machen, möchte ich nun - wie man es von mir als Englischlehrer sicher erwartet - den Barden Shakespeare anführen, der in seiner Komödie "As You Like It" sagen läßt:

"All the world's a stage

and all the men and women merely players."

Wenn die ganze Welt eine Bühne ist, auf der wir nur Schauspieler sind, hätten wir als Institution der Illusionslogik folgend Euch nicht besser Schauspielunterricht erteilen sollen?

Dies haben wir, so glaube ich, durchaus getan: Wir haben verlangt, dass Ihr Euch auf die Erfordernisse des jeweiligen Fachs einstellt und natürlich auch auf die Person des jeweiligen Lehrers - notfalls konträr zum eigenen Interesse und wahrscheinlich auch nicht immer entsprechend der eigenen Sympathie. Die so erworbenen und ausdifferenzierten Frustrationstoleranzen sind sicher notwendige Voraussetzung für die Teilnahme am großen Welttheater. Sie sind das Resultat nicht klar ausgewiesener Lehrziele, sondern Bestandteile eines verborgenen Lehrplans, der jedoch nur um so wichtiger ist.

In Bezug auf das Wesen, das Sein, ist mein Leistungskurs Englisch in der Kurzgeschichte "Louise" von W. Somerset Maugham einer Hauptfigur begegnet, die ihre Familie durch die ständige Betonung der Fragilität ihrer Gesundheit über einen Zeitraum von 25 Jahren tyrannisiert. Der Erzähler der Geschichte ist jedoch unbeeindruckt, da er ihr Verhalten durchschaut. Ziel von Louise bleibt aber, auch ihren letzten Kritiker zu überzeugen. So erkennt der Erzähler: "She ... was determined that sooner or later I too should take the mask for the face."

Wenn nun die Welt eine Bühne und somit eine Welt des Scheins ist, möchte ich diese Erkenntnis nutzen und in ein Motto umwandeln, das ich Euch heute mitgeben möchte:

"Do not take the mask for the face, not even your own one - particularly not your own one."

Ich danke Euch für die Aufmerksamkeit und darüber hinaus dafür, dass das Lehrerdasein mit Euch an vielen Stellen freudvoll war.

Erwin Kraut

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