Ein Podium ist eine unbarmherzige Sache - da steht der Mensch nackter als im Sonnenbad. Tucholsky kann ich nur zustimmen. Trotzdem habe ich mich bereit erklärt, diesmal die Abiturrede zu halten, da ich mich den Schülern dieses Jahrgangs ganz besonders verbunden fühle. Dies ist der erste Jahrgang, den ich an dieser Schule von der 7. Klasse an bis zum Abitur begleitet habe. Mit vielen von Ihnen verbinden mich einschneidende Erlebnisse. Politische, wie die Öffnung der Mauer in Berlin, oder persönliche, wie die lange, schwere Erkrankung einer Schülerin.
Sie haben nicht nur von mir gelernt, sondern auch ich von Ihnen: Als Sie in der 7. Klasse waren, nahmen Sie mich zum Beispiel buchstäblich an die Hand und brachten mir das Schlittschuhlaufen bei. Auf mehreren gemeinsamen Reisen haben wir hohe Berge bestiegen, Kulturdenkmäler besichtigt oder an einem Sommermorgen früh um fünf an einer Vogelstimmenführung im Klostergarten Benediktbeuren teilgenommen.
Dies alles verbindet. Daher freue ich mich, für Sie heute diese Rede zu halten.
Am 4. September 1989 waren Sie, Ihre Eltern und wir Lehrer ebenfalls an dieser Stelle versammelt, um Ihre Aufnahme in die Wald-Oberschule zu feiern. Voller banger Erwartungen rutschten Sie damals auf den Stühlen hin und her. Seitdem hat sich für Sie, für unsere Schule und die Stadt vieles verändert. Niemand ahnte am Tag Ihrer Begrüßung hier, daß wenige Monate später die Mauer in Berlin fallen würde und damit eine weitreichende politische Änderung eingeleitet würde. Einer Phase großer Euphorie, die Sie im damaligen 7. Jahrgang erlebten, folgte eine Ernüchterung und ein langsamer, schwieriger Weg zu einer gemeinsamen Zukunft. Die Entwicklung ist der Ihrer eigenen Schullaufbahn nicht ganz unähnlich: Der ersten Begeisterung, an dieser wunderbaren grünen Schule mit ihren vielfältigen Möglichkeiten zu sein, folgte bald die Erkenntnis, daß auch nicht zu unterschätzende Schwierigkeiten bewältigt werden mußten, wenn man das Ziel erreichen wollte. Nicht alle fühlten sich dieser Strapaze gewachsen oder haben die notwendige Zuwendung und Unterstützung erfahren, um diesen Weg ohne Umwege zurückzule-gen.
Sie, liebe Abiturienten, haben es jedoch geschafft und können nun ganz individuell bestimmen, welchen Weg Sie weiterverfolgen möchten. Das ist sicher nicht ganz leicht, da Sie sich bisher auf vorwiegend fest vorgeschriebenen Bahnen bewegt haben.
Hat die Schule Sie in die Lage versetzt, diese Freiheit sinnvoll nutzen zu können? Was haben Sie in diesen sieben Jahren in der Schule gelernt?
Einige von Ihnen würden sicher dem Erziehungswissenschaftler Hartmut von Hentig zustimmen, der über die Einstellung vieler Schüler zum Unterricht folgendes sagt: Man lernt vor allem Antworten anderer kennen und hersagen, auf Probleme, die man selber noch nicht erfahren hat, oder auf Probleme, die man ohne die Schule gar nicht hätte. (Anm.1)
Auch der Schriftsteller Peter Hoeg setzt sich in seinem Roman Der Plan von der Abschaffung des Dunkels kritisch mit den Fragen und Antworten der Schule auseinander.
Vielleicht gibt es auf der Welt nur zwei Arten von Fragen. Die einen, die sie in der Schule stellen, auf die die Antwort im voraus bekannt ist, und die nicht gestellt werden, damit irgend jemand klüger wird, sondern aus anderen Gründen.
Und dann die anderen, [...] Auf die man die Antworten nicht kennt, und oft nicht einmal die Frage, bevor man sie stellt.
[...] Fragen, die zu stellen ziemlich weh tut. Und die erst gestellt werden, wenn jemand unter Druck ist. [...] Das eben haben wir mit Wissenschaft gemeint. Dass das Fragen wie das Antworten mit Ungewißheit verbunden ist und dass beides weh tut. Doch dass es keinen Weg drumherum gibt. Und dass man nichts verbirgt, sondern dass alles offen ans Licht kommt.
Dies ist eine harte Kritik an der oberflächlichen und arroganten Wissensvermittlung der Schule. Die Schule ist in Hoegs Roman vornehmlich ein Kontrollinstrument der Gesellschaft. Durch den unerbittlich geregelten Zeitablauf, durch ständige Beobachtung und dauernde Bewertung erzeugt die Schule im Schüler vor allem Angst. Das lebensnotwendige Wissen muss er sich quasi im Kampf gegen die Schule heimlich aneignen. Nun könnte man sagen, dies klingt wie eine Beschreibung der schulischen Verhältnisse im autoritären Wilhelminischen Zeitalter, im tiefsten 19. Jahrhundert. Hoegs eindrucksvoller autobiografischer Roman aus dem Jahr 1993 beschäftigt sich jedoch mit reformpädagogischen Ansätzen im fortschrittli-chen Dänemark Anfang der 70er Jahre dieses Jahrhunderts, also vor circa 25 Jahren.
Sofern hier die institutionellen Bedingungen von Schule angesprochen sind, müssen wir selbstkritisch feststellen, dass sie sicher auch für unsere schulische Situation zutreffen. Viele von Ihnen werden bestätigen, dass Angst vor Kontrolle, Angst vor Prüfungen oder Angst vor Bloßstellung einen Teil ihrer schulischen Erfahrungen ausmachten.
Pädagogen fordern daher heute eine humanere Schule, in der nicht Selektion und Verteilung von Lebenschancen im Vordergrund stehen; Fächer nicht im 45-Minuten-Takt gelehrt werden, der sich angeblich den klösterlichen Gebetsrhythmen des Mittelalters verdankt. Sie fordern eine Schule, in der Probleme fächerübergreifend bearbeitet und Erfahrungsmöglichkeiten angeboten werden, die erst entstehen, wenn die Schule sich der Umgebung öffnet.
Zum Glück bleibt innerhalb des institutionellen Rahmens Raum, der durch die Persönlichkeiten von Schülern und Lehrern gefüllt wird. Dadurch wird der Unterricht lebendig. Ich hoffe, dass Ihnen auf dieser persönlichen Ebene in Ihrer Schulzeit nicht nur vorgefertigte Fragen und Antworten begegnet sind, sondern Sie auch Gelegenheit hatten, sich mit bohrenden Fragen auseinanderzusetzen, sie als existentielle Fragen zu erfahren und gemeinsam Lösungen zu suchen.
Die Erfahrung, dass Fragen weh tun können, dass es jedoch unausweichlich ist, sie zu stellen, und notwendig, alles ans Licht zu bringen, scheint mir heute wichtiger denn je, da unsere Gesellschaft zunehmend geprägt ist von einem sehr oberflächlichen Wissensbegriff. In der Informationsgesellschaft wird die Kenntnis und Abrufbarkeit von Fakten bereits als Wissen gewertet, ungeachtet der Belie-bigkeit dieser Daten. Wissen ist jedoch nicht schon das Sammeln von Informationen. Lesen ist nicht nur eine möglichst schnelle Datenentnahme.
Die Schule ist bisher - und daran muss sie bei allen Neuerungen festhalten - einem anderen Wissensbegriff verpflichtet: Wissen als Kostbarkeit, als Macht, als philosophische Anstrengung. In der platonisch-sokratischen Tradition ist das Wissen dem Denken zu unterwerfen. Es muss sorgfältig geprüft werden, damit es nicht gefährliches Scheinwissen wird. Wissen ist abhängig von einem Subjekt, das sich dieses Wissen in einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort angeeignet und es verstanden hat und dadurch auch seine Person verändert hat. Gerade in diesem Sinne ist Wissensvermittlung in der Schule bedeutsam: Nur ein so verstandenes Wissen kann den Schüler zu einem reflektierten, selbstbestimmten Individuum machen, das seine Persönlichkeit in allen Anlagen entfalten kann. Wenn wir Wissen auf Information reduzieren, das heißt quantifizieren, und absehen von der Bedeutung, dann reduzieren wir die Schüler zu verfügbaren Objekten, die keine Mündigkeit erwerben können.
Die modernen Informationstechnologien erwecken den Eindruck, als gehe es nur um eine möglichst vollständige Repräsentation und Berücksichtigung aller Daten, ohne dass dabei die Qualität, die Bedeutung der Daten einer Prüfung unterzogen werden müssen.
Wissen kann danach auch etwas völlig Überflüssiges zum Inhalt haben, das niemand wissen will. Im digitalen System werden Informationen lediglich als zutreffend oder nicht zutreffend klassifiziert. Das ist jedoch noch kein urteilendes Wissen. Urteilendes Wissen setzt Werte, setzt einen Standpunkt voraus.
Die vermeintlichen Wissenswelten, die durch die modernen Informationstechnologien geschaffen werden, sind häufig lediglich Informations- bzw. Meinungswelten. Da wir mit mehr Informationen zusammenleben als wir verarbeiten können, entsteht eine zunehmende Partikularisierung des Wissens. Die Einheit des Wissens wird mehr und mehr aufgegeben, der einzelne ist nicht mehr umfassend gebildet und daher nicht mehr in der Lage, sich zu orientieren. Laut Jürgen Mittelstraß ist die Informationswelt [...] eine Expertenwelt, in ihr herrscht der Spezialist. Wer immer mehr von immer weniger weiß, ist auf die Rückseite der Universalität geraten; er sucht sie im Detail, das für ihn das Ganze ist. (Anm. 2)
Die Informationstechnologien können das Denken nicht ersetzen, sonst führen sie in Unselbständigkeit. Sie sind lediglich rechnende Enzyklopädien, derer wir uns bedienen können, was jedoch unsere Urteilskraft voraussetzt. Das bloße Informiertsein bedeutet noch nicht Wissen, ist noch nicht Bildung. Die Schule muß dafür sorgen, dass Schüler sich die notwendigen Verarbeitungskompetenzen an-eignen, um diese Technologien nutzen zu können, dass sie ihre Urteilskraft ausbilden, um die Informationen prüfen zu können.
Wenn diese jungen Menschen die Zukunft der Gesellschaft sichern sollen und ihre großen Probleme wie Umwelterhaltung, Ressourcenschonung, gerechte Verteilung des Wohlstands, und Erhaltung des Friedens bewältigen sollen, dann müssen sie jedoch darüber hinaus noch in einem viel umfassenderen Sinne gebildet sein. Bildung hat auch immer etwas mit Verantwortung zu tun, mit Bereitschaft zur Selbstverantwortung wie auch zur Verantwortung im Gemeinwesen. Das bedeutet, dass der Mensch einerseits selbständig werden und sich gleichzeitig auch für das Gemeinwohl engagieren muss. Bildung soll immer auch begriffen werden als Sich-Bilden, sagt von Hentig. Schule darf nicht erfahren werden als ein Raum, in dem etwas mit mir gemacht wird (Anm.3). Weitere wichtige Bildungsziele sind nach von Hentig:
· Die Empfindlichkeit für Unmenschlichkeit zu entwickeln, das heißt, erkennen zu können, wann Menschen Unmenschliches widerfährt, und dies nicht hinzunehmen.
· Die Fähigkeit, Glück wahrzunehmen und zu erfassen, was Glück bedeutet, jenseits aller Werte und Wissenschaftsdiskussionen.
· Die Fähigkeit, über Verständigungsmittel zu verfügen, und der Wille, miteinander zu reden.
Die hier umrissenen Bildungs- und Erziehungsziele halte ich persönlich für unverzichtbar. Ob und wie weit sie in Ihrem Schulleben eine Rolle gespielt haben, können Sie nur selbst entscheiden. Die Glaubwürdigkeit solcher Ziele ist nicht abzulösen von den Personen, die sie vertreten. Jenseits dessen, was Lehrer als Unterrichtsstoff vermitteln wollen, ist das Lernen vom Vorbild die am stärksten prägende Kraft - positiv wie negativ.
Mehrere junge Kollegen, die diese Vorbildfunktion in hervorragender Weise wahrgenommen haben, mussten unsere Schule im vergangenen Jahr verlassen, da sie nur Fristverträge hatten, die von der Schulbehörde nicht verlängert wurden. Sie selbst mussten durch diese Verwaltungsentscheidungen mehrere Lehrerwechsel innerhalb der Kursphase verkraften, was um so schmerzlicher war, als die Kol-legen sich durch ihren qualifizierten Unterricht und ihr großes Engagement für die Schüler hohe Achtung und besonderes Vertrauen bei Ihnen erworben hatten.
Weitere umfassende personelle Veränderungen kommen demnächst auf die Berliner Schulen zu. Bei aller Einsicht in die Notwendigkeit des Sparens muss man doch sehen, dass diese Umsetzungen von Kollegen, dieses absurde Lehrerkarrussel, die pädagogische Arbeit zunichte macht. Sie zerstören sogar den Lebensnerv der Schule: die Schule als Gemeinwesen. Die Schule als Gemeinschaft wird hier beschädigt, weil diese Entscheidungen nach rein formalen Kriterien getroffen werden. Wie quantifiziert man den lebendigen, unverzichtbaren Beitrag einer bestimmten Lehrerin, das Engagement eines bestimmten Lehrers? Die Schule als Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden wird Schaden nehmen durch die neuen Entwicklungen, denn das Heraufsetzen der Klassenfrequenzen, der Wegfall von Arbeitsgemeinschaften und Klassenfahrten, die Umsetzung von Kollegen und die Streichung der Gelder für Arbeitsmittel reduzieren die Schule zu einer Lernfabrik, die nur noch den minimalen Fachunterricht aufrechterhalten kann. Das Schulleben, der Geist einer Schule, sind jedoch nicht nur durch die Wissensvermittlung geprägt, sondern sie entstehen durch das aktive Zusammenwirken von Schülern und Lehrern über den bloßen Fachunterricht hinaus. Die Freude an musikalischen oder dramatischen Aufführungen, der Stolz auf gemeinsame künstlerische oder sportliche Erfolge sind dabei ebenso bedeutsam wie das Feiern großer Feste und die Auseinandersetzung mit der Geschichte der eigenen Schule, wie sie im Foyer in einer Ausstellung dokumentiert ist.
Diese Veranstaltungen sind nicht möglich ohne den engagierten Einsatz der Lehrer, aber sie sind natürlich nur durchführbar, wenn Schüler bereit sind, neben all ihren sonstigen schulischen Verpflichtungen Aufgaben für die Gemeinschaft zu übernehmen, sich an Projekten auch außerhalb der regulären Unterrichtszeit zu beteiligen.
In dieser Hinsicht verdienen Sie ein ganz besonders Lob. Sie haben sich engagiert bei der Organisation von Diskussionsveranstaltungen zu gesellschaftspolitischen Themen; Sie haben sehr erfolgreich Basare für wohltätige Zwecke durchgeführt. Sie haben im Orchester und im Chor gemeinsam musiziert und uns interessante Theateraufführungen beschert. Auf Schulfahrten in verschiedene europäische Länder haben Sie Einblick in fremde Kulturen erhalten und Gelegenheit zu menschlichen Begegnungen gehabt. Dabei kam teilweise das im Unterricht Gelernte zur Anwendung, teilweise konnten Sie Neues erfahren, was keine Unterrichtsstunde je hätte vermitteln können. Ihrem Einsatz ist es zu verdanken, daß wir seit einigen Jahren eine Schülerzeitung haben, die kompetent und qualifiziert gemacht wird und auf deren Erscheinen sich Schüler und Lehrer freuen.
Natürlich haben sich einzelne ganz besonders eingesetzt und dadurch auch andere zur Mitarbeit bewegt, die sich eigentlich lieber schonen wollten. Es ist immer problematisch zu verallgemeinern. Dennoch will ich versuchen, den Eindruck, den ich von diesem Jahrgang habe, zu beschreiben.
Bei aller Individualität ist ein großer Gemeinschaftssinn auffällig. Oder sollte es nur Reisefreude gewesen sein, die 48 Abiturienten dazu bewegte, nach dem mündlichen Abitur gemeinsam eine Woche in Dänemark zu verbringen? Der Umgang der Schüler untereinander, soweit ich ihn beobachten konnte, ist geprägt durch gegenseitige Achtung, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft; fast könnte man sagen durch mangelnde Konfliktbereitschaft, wenn man es unbedingt negativ ausdrücken will. In Ihren Plänen für die Zeit nach dem Abitur und, soweit sie schon feststehen, in den Berufsplänen, drückt sich ein großes Maß an Verantwortungsbereitschaft und Risikofreudigkeit aus. Etliche Schüler werden sich an Entwicklungs- oder Sozialhilfeprojekten in Frankreich, Italien, Litauen oder im Kongo beteiligen. Viele wollen zunächst einmal den Erfahrungsmangel der schu-lischen Bildung ausgleichen, indem sie als Au-Pair nach Frankreich oder in die USA gehen, eine handwerkliche Lehre beginnen oder sich aufmachen, für einige Monate die andere Seite der Erde auf eigene Faust zu erkunden.
Für alle diese Unternehmungen und für Ihr weiteres Leben wünsche ich Ihnen die Phantasie und den Mut, Ihren eigenen Weg zu finden, die Kraft, Ungerechtigkeit zu bekämpfen und Widerstände zu überwinden und das Glück, auf Menschen zu treffen, die Ihnen Freundschaft und Verständnis schenken.
Eva-Maria Feiten
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Anmerkungen
1. Hartmut von Hentig: Die Schule neu denken. Carl Hanser Verlag, München, Wien 1993
2. Jürgen Mittelstraß: Information = Konfusion. Schweizerische Technische Zeitschrift. 3 (1996), S. 11-13
3. Hartmut von Hentig in einem Vortrag an der Universität Potsdam, April 1996
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